2. November 2005
GSV im MSW

Gisela Cappel, Baldur Bertling, Beate Schweitzer und Heinz Wiemer (GSV) sprachen mit Frau Schneider und Herrn Dr. Burkhard (MSW)

(Den nachfolgenden Bericht gibt es hier auch als pdf-Datei zum Ausdrucken. Zum Lesen braucht man den Adobe-Reader.)

Das waren die Themen:

Vergleichsarbeiten

Absichten der neuen Regierung

Vorziehen des Einschulungsalters

„Besondere Förderung noch nicht schulfähiger Kinder“

Abschaffen der Schuleinzugsbezirke

Englisch ab Klasse 1

Ziffernnoten ab Klasse 2, Kopfnoten ab Klasse 1

Übergang zur Sekundarstufe

Veröffentlichung von Ergebnissen interner und externer Evaluation

Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Perspektive

 

GSV im MSW
Ein Bericht von Gisela Cappel

Gespräche mit den Grundschulreferentinnen im Ministerium sind eine gute Tradition in der Arbeit des Landesvorstandes, die auch nach dem Wechsel der Landesregierung weiterhin problemlos praktiziert werden kann. So hatte 2. November 2005 wieder eine Gruppe von Vorstandsmitgliedern Gelegenheit, Fragen und Stellungnahmen zu aktuellen Themen und Ankündigungen im Ministerium vorzubringen.

Das Gespräch verlief in gewohnter Weise freundlich und offen. Die Mitarbeiter des Ministeriums standen Frage und Antwort. Allerdings hatte sich schon nach wenigen Minuten der Eindruck verdichtet, dass die politische Führung der neuen Landesregierung pädagogisch fachliche Diskussionsbeiträge zwar zur Kenntnis nimmt, aber ihre Absichten davon nur wenig beeinflussen lässt. Die Aufgabe der Mitarbeiter bezieht sich nun darauf, inhaltlich vorzubereiten, was die neue Landesregierung plant. Dies steht teilweise in Widerspruch zur bildungspolitischen Entwicklung der vergangenen Jahre. Es scheint sicher: Die in der Regierungserklärung vereinbarten Veränderungen der bildungspolitischen Rahmenbedingungen sollen wohl nach und nach tatsächlich verwirklicht werden.

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Vergleichsarbeiten

Zunächst konnten wir Herrn Dr. Burkhard, zuständig für „VerA“, eine erste Rückmeldung über den Durchlauf 2005 geben: Positiv vermerkten wir, dass die diesjährige Durchführung nach unserer Kenntnis weniger Ärger und Aufwand gekostet hat als die erste. Außerdem konnten die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer dies bereits gelassener handhaben und als eines von vielen „Mosaiksteinchen“ in das breite Spektrum der Leistungsfeststellungen in der Grundschule einordnen. In Kenntnis der Ziele, Aufgaben und Ergebnisse dieser Tests können auch in begrenztem Umfang Einsichten über die Qualität der Standortpläne und des Unterrichts gewonnen werden, die als Bestätigung geleisteter Arbeit verstanden und ggf. zur Weiterentwicklung genutzt werden können.

Unsere grundsätzliche Kritik  an dieser Art der Leistungsvergleiche bleibt jedoch bestehen, besonders die Kritik an der Bedeutung, die den Vergleichsarbeiten in der öffentlichen Diskussion und oft von Eltern zugeschrieben wird. Deshalb war und ist unsere Bitte an das Ministerium, immer wieder deutlich zu kommunizieren, dass diese Vergleichsarbeiten lediglich Leistungen in Teilbereichen zweier Unterrichtsfächer fordern und messen.

 

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Absichten der neuen Regierung                

Die Regierungserklärung gab uns die Stichwörter zu den weiteren angesprochenen Themen. Bekanntlich wird ‚unter Hochdruck’ an der Novellierung des Schulgesetzes gearbeitet, aber noch liegen keine Veröffentlichungen oder Erlasse vor, mit denen die Pläne konkretisiert werden.

Vorziehen des Einschulungsalters

Die Senkung des Einschulungsalters soll schrittweise vorgenommen werden. Noch nicht durchdacht scheinen die Auswirkungen auf  die Arbeit der Kindertageseinrichtungen (kürzere Kindergartenzeit), auf den Übergang in die Primarstufe (u. a. Deutschförderung für Kinder mit entsprechendem Bedarf) und auf die Arbeit in der Eingangsstufe.

Kommentar: Priorität sollten der verbindliche Besuch einer Kindertageseinrichtung und breite Förderung im Elementarbereich haben, die auch die Eltern fordert. Da wohl keine Verlängerung der Grundschulzeit geplant ist, stellt sich die Frage: Wie werden die weiterführenden Schulen der Herausforderung begegnen, wenn  knapp Neunjährige nach  - Dank kürzerer Verweildauer in der Eingangsstufe - dreijähriger Grundschulzeit in die Sekundarstufe wechseln.

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„Besondere Förderung noch nicht schulfähiger Kinder“

„Besondere“ meint offensichtlich nicht die integrative Förderung in der Schuleingangsstufe. Wie sie aussehen und durchgeführt werden soll, ist noch unklar.

Kommentar: Der derzeitige Einsatz der Sozialpädagoginnen in der Eingangsstufe ist in der Regel für alle Beteiligten sehr unbefriedigend. Wenn man finnische Schulqualität als beispielgebend herausstellt, sollte man auch die organisatorischen und personellen Voraussetzungen in den Blick nehmen!

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 Abschaffen der Schuleinzugsbezirke

Das scheint der Koalition sehr wichtig zu sein. Abgesehen von den organisatorischen Problemen für Schulen und Schulträger – die Kommunen haben erhebliche Bedenken - fragen wir: Welche Kriterien werden Eltern bei der Schulwahl leiten?
Wie verhindert man, dass es zu noch größeren Unterschieden in der Ausstattung von Schulen kommt?
Welches Signal für den Umgang miteinander in Konflikten bekommen die Kinder?
Stärkt es die Entwicklung von Kindern, nach (wechselnden?) Elternwünschen eine entferntere Grundschule zu besuchen anstelle der nahe liegenden, deren Umfeld zunehmend selbständig und mit Freunden erobert werden kann? Welche gesellschaftliche Wunschvorstellung soll mit der Aufgabe des `Sprengelprinzips` befördert werden?

Kommentar: Die (fußläufig erreichbare) Grundschule muss die Schule für alle Kinder bleiben!

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Englisch ab Klasse 1

Frühes Sprachen-Lernen liegt im Trend - um es mal flapsig auszudrücken. Unklar bleibt, welche Rücksicht jene Kinder erfahren, die  bereits bei der Aneignung der deutschen Schriftsprache erheblich Schwierigkeiten haben. Welche Voraussetzungen müssen bei dieser Zielsetzung gegeben sein? Was sind die Konsequenzen in Hinblick auf das Gesamtcurriculum Englisch von der Grundschule bis in die Sek. I?,  Was bedeutet das in Hinblick auf die Ausbildung der Fach- und Klassenlehrer? Auf diese Fragen gibt es noch keine Antworten.

Kommentar: In der augenblicklichen Situation fordern wir, andere Prioritäten in Bezug auf Ziele  und personelle Aufstockung zu setzen (siehe oben).

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Ziffernnoten ab Klasse 2, Kopfnoten ab Klasse 1

Kommentar: Der GSV hat seit Jahrzehnten eine begründete, eindeutige Position zur Leistungsbewertung ohne Noten. Wir sind entsetzt über den geplanten Rückschritt!

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Übergang zur Sekundarstufe

Ein verbindlicheres Gutachten soll die Empfehlung wieder ablösen und die Beratungsposition der Lehrer stärken. Welches (Auswahl!)Verfahren ist bei abweichenden Elternentscheidungen vorgesehen? Schlichtung durch Gespräche beim Leiter der weiterführenden Schule? Probeunterricht wie vor Jahren mit sachlichen Gründen abgeschafft?!  Der würde zum Glauben an die Aussagekraft von `Momentaufnahmen` passen.  

Kommentar: Die derzeitige Regelung löst zwar auch nicht das Problem von Fehlentscheidungen beim Übergang in verschiedene weiterführende Schulen. Aber den hier geplanten Rückschritt werden wohl Eltern nicht hinnehmen. Er passt auch gar nicht zum Konsensmodell von Schule. Statt immer wieder zu diskutieren, ob hier falsch oder richtig sortiert wird, sollte endlich die Lehre aus Pisa angenommen werden, dass es schlicht falsch ist, Zehnjährige zu sortieren!

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Veröffentlichung von Ergebnissen interner und externer Evaluation

Gibt es nach US-Amerikanischem Muster ein Ranking nach jährlichen Tests mit nachfolgender Bestrafung für die hinteren Rangplätze? Oder wird die Veröffentlichung verbunden mit Hilfen zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit der Schulen?

Kommentar: Rechenschaftslegung muss eingebunden sein in eine Standortanalyse und münden in Verbesserung der Schularbeit aller Verantwortlichen. Qualitätsentwicklung entsteht durch kritisch-konstruktive Begleitung und Bewertung nicht nur von messbaren Einzelergebnissen, sondern auch der Lernprozesse. Man schaue sich dazu z. B. aktuelle Veröffentlichungen von Hans Brügelmann oder Christoph Selter an!

(Die folgenden Links führen extern zu den Internetseiten dieser beiden Kollegen: 
Hans Brügelmann 
/ Christoph Selter )

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Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf

In der Regierungserklärung heißt es: „Integrative Lerngruppen können eingerichtet werden, wenn die dort stattfindende Förderung nicht auf Kosten einer besseren Förderung in einer Sonderschule geschieht.“

Kommentar: Diesen Satz verstehe ich schlicht als Absage an integrative Arbeit im GU, die allen Kindern wichtige Impulse zum integrierenden Verhalten beim gemeinsamen Lernen gibt. Und diese stehen nicht im Gegensatz zur bestmöglichen sonderpädagogischen Förderung, sondern ergänzen sie!

 

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Perspektive              

Gegenwärtig gibt es außer dieser Fülle von Absichten noch keine Einzelheiten zu vermelden. Mit Spannung erwarten wir genauere Auskünfte!

Gemessen an dem Anspruch, die Grundschule müsse die Schule für alle Kinder werden, erschrecken die Ankündigungen der Regierung. Sie sind nicht geeignet, die Ungleichheit der Chancen zu mildern und die schulische Lernentwicklung aller Kinder besser zu fördern.

Unsere nächsten Aufgaben als Grundschulverband sehe ich darin, die politischen Entscheidungsträger in den Fraktionen anzusprechen und ihnen gegenüber die Bedürfnisse und Perspektiven der Kinder zu vertreten.

 Gisela Cappel
20. November 2005

 

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