„Hellseherei abschaffen -
Zeit für Evaluation des Schulgesetzes“
Stellungnahme des GSV für die öffentliche
Anhörung
des Ausschusses für Schule und Weiterbildung
am 27. Januar 2010 im Landtag NRW
Diese
Stellungnahme gibt es hier auch als .pdf-Datei
Dreieinhalb
Jahre ist das neue Schulgesetz alt. Nun strebt der Antrag der Grünen eine
Veränderung bei der Leistungsbewertung und beim Übergang an:
Lernentwicklungsberichte sollen in allen vier Grundschulklassen - und
darüber hinaus - die individuelle Lernentwicklung dokumentieren und fördern.
Beim Übergang in die Sekundarstufe sollen sie die verbindliche
Schullaufbahnempfehlung ersetzen.
Das wird vom Grundschulverband grundsätzlich
begrüßt.
Damit könnten zwei Bereiche des Schulgesetzes von
2006 einer Evaluation mit anschließender Revision unterzogen werden:
1.) Das Schulgesetz von 2006 bescherte der
Sekundarstufe 1 zwei verschiedene Schullaufbahnen:
-
sechs Jahre Lernzeit in Förder-, Haupt-,
Real- und Gesamtschule,
-
5 Jahre Lernzeit im Gymnasium, (wobei
annähernd gleich viele Unterrichtstunden auf weniger Jahre verteilt
wurden.)
2.) Das Schulgesetz veränderte auch die
Leistungserziehung und die Übergangsberatung an der Grundschule:
-
erste Orientierung durch Ziffernnoten auf dem
Versetzungszeugnis in die Klasse 3,
-
Beratung und Entscheidung im ersten Halbjahr
der Klasse vier,
-
stärkeres Gewicht der Grundschulempfehlung,
d.h. bei nicht testierter Eignung folgte die Entscheidung nach Teilnahme
an einem „Prognoseunterricht“.
Für Kinder, denen die Grundschule nicht
mindestens eine eingeschränkte Eignung für das Gymnasium bescheinigt, ist –
so sehen es die meisten Betroffenen – der Weg zur gymnasialen Bildung
verschlossen. Die Möglichkeit eines Aufstiegs im Verlaufe oder am Ende der
Orientierungsstufe aus Realschule oder Hauptschule zum Gymnasium wird als
Illusion angesehen, weil die Kinder am Gymnasium unter den neuen Bedingungen
den Kindern der anderen weiterführenden Schulen stofflich „davongelaufen“
sind. Das neue Schulgesetz verlagerte also faktisch die zweijährige
Orientierungsstufe aus Klasse 5 und 6 in die Grundschule, und zwar in die
drei Halbjahre zwischen der Versetzung in Klasse 3 und dem Halbjahreszeugnis
in Klasse 4
Mit diesen Veränderungen verfolgte die
Landesregierung nach eigenen Angaben zwei Ziele:
-
die Anzahl der Klassenwiederholungen und
Schulformwechsel von Gy nach RS oder HS bzw. von RS zur HS (die
„Abschulung“) sollte verringert werden,
-
der „Aufstieg“ leistungsfähiger Schülerinnen
und Schüler in eine andere Schulform sollte ermöglicht und gefördert
werden. [1]
Mit dieser doppelten Zielsetzung wurde bereits
damals dokumentiert, dass die Verbindliche Grundschulempfehlung gleichzeitig
richtig und falsch sein kann – eben Hellseherei, wie es der vorliegende
Antrag nennt: Einerseits soll sie verbindlich sein, damit Kinder vor zu
hohen Leistungsanforderungen geschützt werden, andererseits soll sie in der
Sekundarstufe immer wieder korrigiert werden, damit leistungsfähige Kinder
in eine andere Schulform aufsteigen können.
Die Gelegenheit, diese Entscheidungen aus dem
Jahre 2006 nun zu korrigieren, ist eigentlich günstig: In diesem Schuljahr
wird zum vierten Male der Übergang von der Grundschule auf weiterführende
Schulen nach den neuen Regeln durchgeführt. Da wäre genug Zeit vergangen,
endlich eine Evaluation durchzuführen.
Uns liegen nämlich noch keine aktuellen
belastbaren Zahlen vor, die Auskunft geben über geringere Anzahlen von
Wiederholungen und Abschulungen und gestiegene Zahl von Aufstiegen.
Solange wir keinen deutlichen Nachweis messbarer
Erfolge durch die Maßnahmen der Landesregierung finden können, bleiben wir
bei unserer damals ausführlich vorgetragenen Kritik[2],
die auch immer wieder durch Meinungen und Berichte aus der pädagogischen
Wissenschaft und Praxis bestärkt werden:
Die frühen Noten auf Zeugnissen bedienen die
Eitelkeit der ohnehin Erfolgreichen. Sie verursachen für alle einen
Leistungsdruck, der erfolgreiches Lernen erschwert. Mit vergleichenden
Ziffernnoten werden Kinder bedrückt, beschämt und beschädigt. Das gilt
besonders für große Gruppen von Kindern aus sog. bildungsfernen Milieus. Vom
Ziel, dass Grundschule „allen Kindern gerecht werden“
kann, sind wir weiter denn je entfernt!
Lehrer und Eltern von Grundschulkindern berichten
über Nachhilfeunterricht ab Klasse 2, über vorbereitenden Englischunterricht
bereits im Kindergarten, über Bitten um psychologische Beratung, über die
Einnahme von Stärkungsmitteln zur Stressbewältigung an Grundschulkinder.
Vergleichsweise harmlos ist dagegen der Kauf von Schutzengelkarten, die
Kindern bei Klassenarbeiten Mut machen sollen. Aber selbst diese Karten
zeugen davon, dass die Vorbereitung auf die verbindliche
Übergangsentscheidung in der Grundschule Stress bereitet. Wer keine „höhere“
Schule besuchen kann, ist nämlich in den Augen vieler Menschen abgemeldet
vom Lebenserfolg.
In unserem Schulsystem werden viele Kinder schon
früh entmutigt und ausgegrenzt. In einem Land aber, dessen wesentlichste
Ressource die Bildung seiner Bevölkerung ist, ist dieses nicht zu
verantworten. Unsere Gesellschaft ist auf viele gut gebildete Menschen
angewiesen und kann es sich nicht leisten, ganze Gruppen von Kindern bereits
im Alter von neun Jahren von vielfältigen Bildungsangeboten auszuschließen.
Lernentwicklungsberichte statt Zeugnisnoten, Orientierungsstufe wieder in
der Sekundarstufe – das wären Maßnahmen, die das Problem der Sortierung in
Klasse 4 lindern könnten.
Es bleibt aber festzuhalten, dass es nach
gegenwärtiger gesicherter Erkenntnis eine passgenaue Sortierung von Kindern
auf drei verschiedene weiterführende Schulen nicht geben kann. Gerade, wenn
von individueller Förderung geredet wird, ist eine Sortierung in drei
Gruppen von Individualitäten vollends widersinnig. Die Klagen darüber, dass
falsch sortiert wird, verkennen, dass es grundsätzlich falsch ist, Kinder im
vierten Schuljahr zu sortieren!
Insofern unterstützen wir die Vorschläge des
vorliegenden Antrags. Wir weisen allerdings darauf hin, dass nach wie vor
das gegliederte Schulwesen Ursache vieler Probleme der Grundschule und der
Sekundarstufe bleibt. Erst wenn Kinder – wie in nahezu allen anderen
zivilisierten Ländern dieser Erde – länger gemeinsam lernen können, werden
auch die Schulen überall das anbieten können, womit jetzt noch
Nachhilfe-Institute werben:
Erfolgreich Lernen ohne Stress.
für den Vorstand der GSV Landesgruppe NRW
Baldur Bertling, Dinslaken,
11. Januar 2010
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