Grundschulempfehlung / Übergangsgutachten
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Seite neu am 30. Januar 2009 - zuletzt bearbeitet am 17.02.2010

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 Grundschulverband NRW (B.B.)
„Staatlich verordnete Hellseherei abschaffen“

 Mündliche Ergänzung bei der  öffentlichen Anhörung
des Ausschusses für Schule und Weiterbildung
am 27. Januar 2010 im Landtag NRW

Das ist eine Abschrift des Redezettels -
was tatsächlich gesagt worden ist,
wird im Protokoll der Sitzung nachzulesen sein,
das erst Mitte März 2010 vorliegen wird.

Herr Vorsitzender,
meine Damen und Herren Abgeordnete,

ich bin dankbar, dass ich hier Gelegenheit habe, unsere Stellungnahme ein wenig zu ergänzen.

Der Grundschulverband – als ehrenamtlich organisierter Fachverband - kann keine flächendeckende Evaluation durchführen. Wir sind auf Berichte und Hinweise unserer Mitglieder angewiesen. Aber auch auf dieser Basis ergibt sich ein klares Bild:

Noten ab Klasse 2 und verbindliche Übergangsempfehlungen behindern das Lernen an der Grundschule.
Wenn die vom Schulgesetz geforderte individuelle Förderung wirklich realisiert werden soll, brauchen Kinder für ihre individuelle Entwicklung genügend Zeit, ihre Befähigungen auszubauen, ohne dass der Erwerb von Berechtigungen zum Besuch einer ausgewählten Schule alles Lernen überschattet.

Alle Berichte unserer Mitglieder lassen nur einen Schluss zu:
Die vergleichende Leistungsbewertung ab Klasse 2 und die Regelungen beim Übergang auf weiterführende Schulen müssen dringend revidiert werden.

Auch wenn es – wir sind da Realisten – noch lange dauern wird:
Bildungspolitisch dürfen wir alle nicht aus den Augen lassen, dass viele Probleme der Kinder erst entstehen durch das Sortieren für ein gegliedertes Schulwesen.
Es wird eben nicht in der Klasse 4 falsch sortiert – es ist einfach falsch, zu sortieren.

 

... wir hätten gerne Unrecht gehabt ...

Die meisten Argumente sind bereits seit Jahren aus der Diskussion um das Schulgesetz von 2006 bekannt.

Ich muss gestehen, wir hätten gerne Unrecht gehabt mit unseren damaligen Vermutungen, aber es ist gekommen, wie es vorherzusehen war.

-         Abschulungen vom Gymnasium gibt es immer noch zu Hauf. Drohungen damit gehören – so berichten unsere ehemaligen Schulkinder – zum festen pädagogischen Repertoire einiger Gymnasial- und Realschullehrer.

-         Notenstress ab Klasse 2 lenkt die Aufmerksamkeit der Kinder immer weiter weg vom vielfältigen Lernen hin zu den wenigen, mit Tests überprüfbaren Inhalten des Mathematik und Sprachunterrichts.

-         Dokumentationen im Fernsehen und im Radio illustrieren eindringlich, wie die verbindliche Übergangsempfehlung der Grundschule ganzen Familien das Leben erschwert und wie dieser Stress durch die Noten ab Klasse 2 erhöht wird.

Viele reden immer vom Übergang nach Klasse 4 und denken, dass da über 10 Jahre alte Kinder diskutiert wird. Das ist falsch. Die Diskussionen über die Wahl der Schulform beginnen spätestens am Anfang des vierten Schuljahres und sind definitiv  mit der Zeugnisausgabe Ende Januar beendet! Ausgangspunkt dieser Diskussion sind gerade mal drei Jahre des Lernens in der Grundschule. Gegenstand der Diskussion ist das weitere Lebensschicksal von Kindern im Alter von 8 bis 9 Jahren!

Da wundert es nicht, dass es niemanden gibt, der behauptet, dass auf dieser Basis bei Kindern in diesem Alter eine gesicherte Entscheidung überhaupt möglich ist. Selbst die Landesregierung glaubt nicht recht daran, verpflichtet sie doch die weiterführenden Schulen in Klasse 5 und 6 halbjährlich zu beraten, ob das Kind nicht in einer anderen Schulform besser lernen kann. Auf diese Weise wird die Grundschulempfehlung in den weiterführenden Schulen von Amts wegen immer wieder in Frage gestellt.

Von daher gesehen fordert der zur Diskussion stehende Antrag schlicht nichts anderes, als dass die Landesregierung ihrer eigenen Argumentation folgt und die Verbindlichkeit dieser – aus Sicht eben dieser Landesregierung - fragwürdigen Grundschulempfehlung wieder aufhebt.

 

Noten ab Klasse 2 - Steilvorlage für Nachhilfeinstitute

Dann wäre allerdings auch nur logisch, die mit Ziffernnoten vergleichende Leistungsbewertung zu ersetzen durch ausführliche Lernentwicklungsberichte. Auf deren Basis könnte nämlich wirklich inhaltlich beraten werden, wie die weitere Lernentwicklung jeden einzelnen Kindes gefördert werden kann.

Ich denke, es ist hier nicht nötig, die lange endlose Geschichte der Diskussion um die Ziffernnoten erneut zu erzählen. Ein Argument ist dazugekommen: Die Ziffernnoten am Ende von Klasse 2 haben sich als Steilvorlage für Nachhilfeinstitute und Erziehungsberatungsstellen erwiesen.

So schreibt die Sprecherin des Bundesverbandes der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e.V.  in einen Presseerklärung:

„Dass individuelle Förderung der Schlüssel zum Erfolg ist, das wissen nicht nur Bildungsexperten und Lehrkräfte, sondern auch Eltern. Jedoch fragen sie sich: Wie sollen Lehrkräfte 25 bis 30 Schüler in der Klasse individuell fördern? Wie sollen sie die Stärken und die Schwächen der Kinder kennen? Wie soll das in 45 Minuten Unterrichtszeit gehen? Eine sinnvolle Ergänzung sehen Eltern oft in der Nachhilfe.“

„Erfolgreich lernen ohne Stress“ – mit diesem Slogan der Nachhilfe-Institute würden wir an Grundschulen gerne werben können.

 

Drei Wünsche frei ...

Grundschulen erleben aber tagtäglich die Widersprüche, vor die uns das neue Schulgesetz gestellt hat und wünschen, dass sie im Interesse der Kinder aufgelöst werden

-         Wir wollen und sollen die Individualität der Kinder fördern – müssen aber die vielen Individualitäten unserer Schülerinnen und Schüler mitten im vierten Schuljahr trennscharf und verbindlich in drei Gruppen einteilen!

-         Wir wollen und sollen den Kinder vielfältige Befähigungen vermitteln – müssen aber schulformbezogene Berechtigungen erteilen.

Wenn wir Grundschullehrer drei Wünsche frei hätten – wir hätten da einen Vorschlag:

-         Ersetzen Sie die Noten durch Lernentwicklungsberichte!

-         Ersetzen Sie die verbindliche Übergangsempfehlung durch intensive Beratung der Eltern! – und
(da bleibt noch ein dritter Wunsch - gleich ob als sechsjährige Grundschule oder Sekundarschule für alle – selbst wenn die dann Gymnasium heißt – )

-         Schaffen Sie Raum für längeres gemeinsames Lernen aller Kinder in diesem Lande.

Ich danke für die Aufmerksamkeit

 

Baldur Bertling,
geschrieben: Dinslaken, 25.01.2010