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Das neue Schulgesetz
(Wie es dazu gekommen ist)
(Seite neu am 4.2.06/Erweiterungen am 19.3.06, 28.3.09, 24.06.06)

Am 22. Juni 2006 war es dann doch beschlossene Sache: das neue Schulgesetz. Der Sachverstand aller Experten hat nicht ausgereicht, eine beratungsresistente Landesregierung an diesem pädagogischen Feldversuch zu hindern. In den Sommerferien werden sicherlich viele Erlasse erscheinen, mit denen die Bedingungen des Lehrens und Lernens an den Schulen in NRW nachhaltig verändert werden. 
Auch wenn es schwer fällt zu akzeptieren: Es sind dann eben veränderte Bedingungen, unter denen Lehrerinnen und Lehrer arbeiten und Kinder und Jugendliche lernen müssen. Es ist dann eben unser aller Aufgabe, an der Veränderung der (bildungs-)politischen Verhältnisse zu arbeiten, so dass vernünftige Politik für eine zukunftsorientierte Grundschule wieder möglich wird! 

(BB - 24.6.06)

Zu den Aspekten, die Grundschule betreffen, ist in der Zeitschrift der GEW-Dinslaken ein Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Landesgruppe erschienen, das hier dokumentiert wird. - (Auch als .pdf-Datei zum Download)

 Weiter unten bleiben zum Nachlesen all die Dokumente der - letztlich leider unwirksamen - Kritik erhalten. 

Das große Erwachen

Nach den Sommerferien 2006 wird Schule in NRW etwas ganz anderes sein. Das neue Schulgesetz verändert die rechtlichen Rahmenbedingungen der Schule umfassend, ohne auch nur eines der wirklichen Hindernisse für echte Weiterentwicklung aus dem Weg zu räumen. Es gibt nicht mehr Zeit für längeres, gemeinsames Lernen sondern mehr Aufgaben, die mit weniger Ressourcen erledigt werden sollen und deren Ergebnisse vergleichender Qualitätskontrolle unterzogen werden.

Vieles trifft auch die Grundschule im Kern. Der Blickpunkt sprach deshalb mit Baldur Bertling, dem Pressesprecher der Landesgruppe NRW des Grundschulverbandes. Er ist Schulleiter in Dinslaken und seit vielen, vielen Jahren auch innerhalb der GEW aktiv.

Blickpunkt: Welches sind die wesentlichen Änderungen, auf die sich Grundschule nach den Sommerferien einstellen muss?

Bertling: Unmittelbar spürbar werden die Noten ab Klasse zwei und die Kopfnoten sein. Dieser Griff in die pädagogische Mottenkiste schmerzt in Grundschulen am meisten. Die anderen Regelungen greifen nach und nach: immer jüngere Kinder sind einzuschulen, die Sprachprüfungen für Vierjährige werden vorzubereiten sein, die Eltern erwarten ein tragfähiges, belastbares Konzept für den Englischunterricht, der ab 2009 bereits im ersten Schuljahr stattfinden soll und ab Herbst 2010 sogar schriftliche Klassenarbeiten in Klasse 3 bringen wird. Das ganze wird begleitet von einem unausgegorenen Konzept der „Lernstudios“. Keiner weiß genau, ob das nun nur ein neuer Name für sämtliche bisherigen Fördermaßnahmen ist oder die heimliche Wiedereinführung des Schulkindergartens.

Blickpunkt: Ein langer Katalog. Greifen wir da die Zensuren heraus. Noten werden doch in allen anderen Schulstufen selbstverständlich erteilt. Warum argumentiert der Grundschulverband so heftig gegen Zensuren bereits ab Klasse 2?

Bertling: Leistungserziehung und Leistungsbewertung sind ein ganz besonders sensibles Feld bei der persönlichen Entwicklung der Kinder. Die erziehungswissenschaftliche Forschung belegt seit Jahrzehnten eindrucksvoll, dass Leistungswille allein durch Erfolgserlebnisse entwickelt und gesteigert werden kann. Vergleichende Noten aber bestätigen nur den Kindern Erfolge, deren Leistungsbereitschaft bereits entwickelt ist. Alle anderen werden in ihrer Zuversicht zurückgeworfen. Die Angst vor schlechten Noten trifft sogar die Leistungsstarken. Ich wiederhole deshalb gerne den Satz: Wären Noten ein Medikament, wären sie wegen der Nebenwirkungen schon längst vom Markt genommen.

Blickpunkt: Die Landesregierung hat aber an einer Stelle Einsicht gezeigt und die Bestimmungen zum Übergangsgutachten deutlich entschärft. Damit wird doch der Druck auf die Grundschule etwas zurückgenommen.

Bertling: Auf den ersten Blick erscheint das so. Aber es ist schon seltsam, dass wir es als Erleichterung auffassen, wenn die Landesregierung eine angedrohte Maßnahme nicht durchführt. Da aber die Veränderung der Sekundarstufe das Gymnasium von den anderen Schulen abkoppelt, wird die Frage immer wichtiger, welches Kind diesen Königsweg zum Abitur beschreiten kann. Da schlägt mit Noten und Kopfnoten der Druck voll durch bis in Klasse zwei. Während die meisten zivilisierten Länder dieser Erde Kinder länger gemeinsam lernen lassen, wird in NRW nun die Auslese nach Klasse vier bereits im zweiten Schuljahr vorbereitet. Absurd!

Diese Grafik gibt es auch als pdf-Datei zum Downlaod

 

Blickpunkt: Die Parole der Lehrerorganisationen „Länger gemeinsam lernen“ ist eben aktuell wie nie! Nun fordert der Grundschulverband doch seit langem, dass die Schule den Kindern mehr Zeit zum Leben und Lernen zur Verfügung stellt. Da müsste doch die offene Ganztagsschule wenigstens ein begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung sein?

Bertling: Da muss man immer wieder daran erinnern, dass Ganztagsschule etwas ganz anderes ist als die „OgaTa“. Während eine wirkliche Ganztagsschule aus Steuermitteln finanziert wird, müssen Eltern für die OgaTa einen Beitrag leisten. Während an der Ganztagsschule alle Kinder bis in den Nachmittag gemeinsam lernen ist die OgaTa eben nur ein Angebot, was sich auf Zusätzliches beschränken muss. Das „Standardprogramm“ der Schule kann ja nicht in den Nachmittag verlegt werden, wo eben nicht alle dabei sind und die Teilnahme eher freiwillig ist und bedarfsgerecht geregelt werden kann.

Blickpunkt: Das heißt – Anwesenheitspflicht nur in einer echten Ganztagsschule?

Bertling: Ja, klar! Wenn der Staat Schulpflicht am Nachmittag durchsetzen will, muss die Gesellschaft bereit sein, echte Ganztagsschule zu finanzieren. Betreuung am Nachmittag muss zwar verlässlich geplant werden, aber daraus eine Teilnahmepflicht über die ganze Woche abzuleiten, ist weder sachregecht noch für die betroffenen Eltern akzeptabel. 

Blickpunkt: Ihr vom Grundschulverband propagiert Selbstbewusstsein, Gelassenheit und den Blick für das wirklich Wesentliche. Meinst du, dass das ausreicht, diese Veränderungen zu ertragen?

Bertling: Grundschule ist in einer seltsamen Situation. Die Lehrerinnen und Lehrer wissen, was wirklich gut wäre für die Kinder, erleben aber, dass die Politik die Rahmenbedingungen dafür nicht bereitstellt.  Das sind – ich will das überspitzt formulieren – ideale Bedingungen für das „Burn-out-Syndrom“. Gerade Grundschullehrerinnen stehen in Gefahr,  fehlende Ressourcen durch Selbstausbeutung ausgleichen zu wollen. Etwa nach dem Motto: „Wenn die Politik nicht mehr Zeit bereitstellt, muss ich eben länger und intensiver für meine Kinder da sein!“ Dagegen sollen unsere drei Ratschläge helfen:

o        Selbstbewusst die international bestätigten Erfolge der Grundschule sehen, die auch unter den bestehenden Bedingungen erreicht wurden, und in diesem Sinne  weiterarbeiten.

o        Gelassen damit umgehen, dass wir alle mehr wissen als wir in Realität umsetzen können und unsere Leistung deshalb nicht an allen Vorstellungen der pädagogischen Fachliteratur oder der Schulbehörden messen!

o        Mit Blick auf das Wesentliche die Arbeiten erledigen, die bei unseren Kindern Erfolge ermöglichen – und alles andere nur dann tun, wenn danach noch Zeit bleibt.

Blickpunkt: Besten Dank, schöne Ferien und gute Erholung vor den Anstrengungen des nächsten Schuljahres.

 

Die Vorgeschichte zum Schulgesetz

Wie Vernunft und Sachverstand auf der Strecke blieben.
(Eine andere Überschrift fällt mir im Moment zu diesem Thema nicht ein - BB.- 24.Juni 2006)

Seit dem 24. Januar 2006 ist es vom Kabinett für die Verbände-Anhörung freigegeben, das neue Schulgesetz. Bereits im Vorfeld hat die Landesgruppe des Grundschulverbandes ihre Kritik öffentlich vorgetragen und auch im Internet dokumentiert. Die aus Sicht des Grundschulverbandes äußerst kritischen Punkte sind - im Vergleich zu vorhergehenden Absichtserklärungen - eher noch verschärft:
Unter dem Vorwand, eine moderne Schule zu schaffen, wird ein System installiert, das mit Leistungsdruck , Kopfnoten und Einschränkungen der Elternrechte für einen Teil der Kinder den "Königsweg" zum Abitur sichert und für alle anderen, die nach dreieinhalb Jahren Grundschule noch nicht fit waren für das Gymnasium, ein Restschulsystem aus Haupt-, Real- und Gesamtschule übrig lässt.

Noch bleibt ein Fünkchen Hoffnung, dass die massive Kritik aus allen Ecken und Richtungen der bildungspolitischen Landschaft die Landesregierung zu der Erkenntnis bringt, dass viele Regelungen in diesem Schulgesetz für das Schulwesen in NRW schädlich sind und unbedingt zurückgenommen werden müssen.

BB (4.2.06)

Übersicht
Für die Nutzer unserer Internetseite werden hier (nach und nach) einige Quellen veröffentlicht und interessante Links zusammengestellt. 

Anhörungen - Presseecho

Experten lehnen Kopfnoten ab

VON HEINZ TUTT, 23.03.06, 07:06h, AKTUALISIERT 23.03.06, 

Pläne der Schulministerin finden Zustimmung von Verbänden der Arbeitgeber und Eltern.

Düsseldorf - Die Pläne der nordrhein-westfälischen Schulministerin Barbara Sommer (CDU), Schulzeugnisse künftig wieder mit Kopfnoten zu versehen, stoßen bei Bildungsexperten überwiegend auf Ablehnung. Dies ergab am Mittwoch eine Anhörung im Düsseldorfer Landtag. Dagegen begrüßen Arbeitgeber-Verbände und der Elternverein NRW die geplante Benotung von Arbeits- und Sozialverhalten.

Vor allem Praktiker aus den Schulen und Wissenschaftler bezweifelten Sinn und Aussagekraft von Kopfnoten. Lehrer besäßen für die Verteilung dieser Noten „keine hinreichende Diagnosekompetenz“, sagt Peter Blomert, Leiter einer Gesamtschule in Mönchengladbach. Solche Ziffernnoten könnten zu einer unreflektierten Charakterbewertung der Kinder verkommen. Baldur Bertling vom Grundschulverband NRW drückt es noch drastischer aus: „Wären Kopfnoten ein Medikament, müssten sie wegen Nebenwirkungen verboten werden.“

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der ganze Artikel über diesen externen Link  http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1143027840465

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Bericht auf der Internetseite des WDR 

Kopfnoten stoßen auf Ablehnung
Bildungsexperten kritisieren unzureichende Methodik

Die von der NRW-Landesregierung geplanten Kopfnoten stoßen bei vielen Bildungsexperten auf Ablehnung. In einer Anhörung des Schulausschusses kritisierten sie am Mittwoch (22.03.06) im Düsseldorfer Landtag den Entwurf des neuen Schulgesetzes.
Grundschulklasse mit Lehrerin; Rechte: dpaBild vergrößern

Kritik an Kopfnoten

"Bei den Kopfnoten schlägt durch, was im Elternhaus gelernt oder nicht gelernt wird", sagte Prof. Wolfgang Böttcher von der Universität Münster. Insofern sei eine "zusätzliche Benachteiligung" von Schülern aus sozial schwierigen Elternhäusern zu befürchten.

Auch die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer, warnte: "Junge Menschen aus zerrütteten, haltlosen Familien werden durch Kopfnoten nicht individuell gefördert, sondern zusätzlich benachteiligt, solange ihnen die Schule kein systematisches Training des Arbeits- und Sozialverhaltens anbieten kann."

In dem Gesetzentwurf der schwarz-gelben Landesregierung fehlten messbare Ziele, Methodik und Regelungen zur Fortbildung der Lehrkräfte, damit diese das Verhalten der Schüler beurteilen können. Aber auch Anleitungen, wie die Lehrer die Schüler individuell fördern könnten, gebe es nicht, bemängelten zahlreiche Experten. "Die Probleme werden nur intuitiv erfasst", kritisierte Böttcher. "Wir kommen mit einem wohl gemeinten pädagogischen Jargon nicht weiter."

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Ablehnung beim Grundschulverband

Als widersprüchlich lehnt auch der Grundschulverband NRW die schwarz-gelbe Schulnovelle ab. "Eine Schule, die wirklich individuell fördern will, braucht keine Noten und vor allem keine Kopfnoten", sagte der Vize-Vorsitzende des Verbands, Baldur Bertling. Schon jetzt hätten selbst viele gute Schüler schlaflose Nächte wegen Leistungsdrucks und Angst vor schlechten Zensuren. "Wären Noten ein Medikament, wären sie wegen der erheblichen Nebenwirkungen längst vom Markt genommen worden."

der ganze Artikel über diesen externen Link http://www.wdr.de/themen/kultur/bildung_und_erziehung/brennpunkt_schule/_politik/schulgesetz_novelle/060322.jhtml

 

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Individuelle Förderung braucht heterogene Gruppen - 
Noten und Kopfnoten erschweren individuelle Förderung!

Mündliche Ergänzung der Stellungnahme bei der öffentlichen Anhörung
des Ausschusses für Schule und Weiterbildung
am 22. März 2006 im Landtag NRW

Auszüge / die ganze Rede gibt es auch als .pdf-Datei hier.

Grundschule als Modell

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Auch wenn die Grundschule die Pädagogik der individuellen Förderung zu realisieren versucht – für eine "Schule ohne Sitzenbleiben" müssten drei Probleme behoben werden.

1.       Grundschule ist zu kurz. Vier Jahre reichen nicht für eine Schule des gemeinsamen Lernens, die für alle Kinder tragfähige Grundlagen aufbauen soll.

2.      Grundschule fehlt Personal. Lehrer für Fördermaßnahmen, Sozialpädagogen und Psychologen wären erforderlich, damit Lern- und Verhaltensprobleme der Kinder wirklich erfolgreich behoben werden können.

3.      Grundschule ist keine echte Ganztagsschule. Gemeinsames Lernen über den ganzen Tag verteilt, Zeit für Fördermaßnahmen, - das geht nicht in einer von Eltern bezahlten, bedarfsgerecht betreuenden offenen Ganztagsschule, die nur von einem Teil der Kinder besucht wird.

Soweit kurz gefasst die politischen Notwendigkeiten. Statt diese Probleme zu beheben, gefährden die Pläne der Landesregierung  das, was in Grundschulen seit Jahrzehnten anerkannte pädagogische Praxis ist.

Statt individuelle Förderung zu ermöglichen wird individuelle Auslese verordnet!

Dabei wäre es politisch geboten,  Grundschule als pädagogisches Modell für die Schulen der Sekundarstufe zu erhalten und auszubauen. Deshalb möchte ich hier erläutern, was aus unserer Sicht individuelle Förderung bedeutet, welchen Wert in diesem Zusammenhang die heterogene Lerngruppe hat, warum Noten Unsinn sind und inwiefern Kopfnoten eine Steigerung dieses Unsinns darstellen.

Die Zeit muss sein, wenn es um die moderne Schule geht, die alles zum Wohle des Kindes unternehmen soll.

Individuelle Förderung

Was versteht die moderne Schule unter individueller Förderung?
Die neuere Gehirnforschung belegt ... dass Lernen immer ein individueller Prozess war, ist und bleibt. Da - zum Glück - die Menschen verschieden sind, verläuft der Lernprozess, bis auf ähnliche Strukturen, auch bei allen Menschen verschieden. Selbst wenn verschiedene Menschen verabreden, zum gleichen Thema zu lernen, unterscheiden sich die Inhalte, Lernwege und Ziele innerhalb einer gewissen Bandbreite.
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So verstandene individuelle Förderung heißt eben nicht, dass alle genau das Gleiche lernen, nur manche etwas schneller – so wie es häufig im Zusammenhang mit der Schulzeitverkürzung diskutiert wird!
... Dieses Wissen vom Lernen ist nicht neu, auch wenn populär aufgearbeitete Erkenntnisse der Gehirnforschung erst seit wenigen Jahren die Öffentlichkeit erreicht haben. Dieses Wissen vom Lernen verändert die Praxis der Grundschule schon seit Jahren, wie zum Beispiel die vielen Veröffentlichung des Grundschulverbandes es seit 1969 dokumentieren!

Da erwarten Grundschulpädagogen, dass endlich auch in der Sekundarstufe berücksichtigt wird, dass individuelles Lernen immer eine heterogene Gruppe braucht.

Heterogene Gruppe

Welchen Wert hat die heterogene Gruppe in der modernen Schule?

Nun, da erlaube ich mir zur Erläuterung gerade im Jahr der Fußballweltmeisterschaft ein praktisches Beispiel. Die besten Fußballer einer Nation sind nur dann wirklich gut, wenn sie eine heterogene Gruppe darstellen. Elf erstklassige Torhüter, elf erstklassige Stürmer, elf erstklassige Verteidiger würden jedes Spiel verlieren. Und selbst beim Training - und damit kann man ja Schule vergleichen - brauchen die Verteidiger die Stürmer und der Libero den Rest der Mannschaft, um das Lernen zu können, was seine individuelle Entwicklung fördert.

Heterogenität von Gruppen ist also eine pädagogische Chance, nach der man allerdings nicht lange suchen muss. Wer eine Schulklasse mit offenen Augen beobachtet, sieht, dass es sich dabei immer um eine heterogene Gruppe handelt. Das gilt für jede Grundschulklasse aber auch für die Lerngruppen der gymnasialen Oberstufe. Die homogene Gruppe ist eine Fiktion, die sich niemals erreichen lässt.

Zu sehen, wie individuelles Lernen in heterogenen Gruppen geschieht, sind in den letzten Jahren so genannte Bildungsexperten aus dem Umfeld der Sekundarstufe I und II in die skandinavischen Länder gefahren, um dort zu entdecken, was guter Unterricht ist und von welchen Bedingungen das abhängt. Wer allerdings nach Skandinavien fahren muss, um das zu erkennen, kann eigentlich kein Experte sein. Guter Unterricht und die Bedingungen dafür werden von der pädagogischen Literatur seit Jahrzehnten beschrieben!

Und es gibt draußen im Lande genügend Grundschulen, die sich erfolgreich auf den Weg gemacht haben, individuelles Lernen in ihren heterogenen Klassen möglich zu machen. Schließlich ist Grundschule die moderne Schule, in der Kinder in all ihrer Verschiedenheit miteinander, voneinander und füreinander Lernen.

Lernzielorientierte Bestätigung / Besser ohne Noten

Passen eigentlich Noten zur modernen Schule? Wenn individuelle Förderung bedeutet, dass jedes Kind sich seine Inhalte auf seinen Wegen mit seinen Zielen aneignet, dann ist die beste Form der Bestätigung L.O.B – Lernzielorientierte Bestätigung. Das Kind erfährt, wie weit es gekommen ist und welches seine nächsten Schritte sind, damit es seinen Lernweg erfolgreich weiter gehen kann. Dann ist die Aussage „Das kannst du noch nicht!“ nicht mit „mangelhaft“ zu übersetzen. Als L.o.B. – Lernziel-orientierte Bestätigung - bedeutet sie doch nur: „Das musst du noch lernen, damit du auch das am Ende gut kannst!“

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Wir könnten Veranstaltungen füllen mit Berichten über verschiedenste psychische Störungen, die bei vielen Kindern im dritten Schuljahr einsetzen, wenn die ersten Noten erteilt werden. Diese erfassen nicht nur die Kinder mit den unbefriedigenden Noten – nein es sind häufig auch die leistungsstarken Kinder, die plötzlich aus Noten-Angst vor Klassenarbeiten nicht mehr schlafen können!.

Wären Noten ein Medikament, wären sie wegen der erheblichen Nebenwirkungen längst vom Markt genommen!

Kopfnoten – Steigerung des Unsinns

Kopfnoten hätten diese Nebenwirkungen in noch gesteigertem Maße – wenn sie überhaupt ernst genommen würden.

...

Die Grundschule hat seit Jahren hervorragende Erfahrungen gemacht mit der ermutigenden Beschreibung von Arbeits- und Sozialverhalten. Kinder brauchen nämlich für die Entwicklung ihres Verhaltens keine Angst vor schlechten Noten sondern inhaltliche Hinweise.  Die individuellen Bemerkungen, die in der Grundschule üblich sind, erlauben differenzierte Aussagen und auch behutsame Vorschläge zur Verhaltensmodifikation in bezug auf Lern- und Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit,  Konfliktfähigkeit oder was sonst gerade für dieses Kind und seine Entwicklung wichtig erscheint. Kopfnoten wären dagegen inhaltsleere Hülsen. Kopfnoten würden das erprobte und erfolgreiche Modell der Verhaltensförderung an Grundschulen zerstören.

...

Verehrte Abgeordnete der Regierungskoalition, beweisen Sie Flexibilität und Konfliktfähigkeit im Umgang mit Ihrer Ministerin, helfen Sie mit, Grundschule als Schule der individuellen Förderung für alle zu erhalten. Sorgen Sie dafür, dass Frau Sommer als Ministerin nicht die Pädagogik der Grundschule zerstört, für die sich Frau Sommer als Schulaufsichtbeamtin so sehr eingesetzt hat.

Die Grundschule und ihre Kinder werden es Ihnen danken.

Baldur Bertling,  22. März 2006

 

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Individuelle Förderung

Stellungnahme für die öffentlichen Anhörung
des Ausschusses für Schule und Weiterbildung
am 22. März 2006 im Landtag NRW

(Auszug. Die ganze Stellungnahme als .pdf-Datei gibt es hier .)

Aus Sicht des Grundschulverbandes geht es bei dieser Anhörung um zwei Fragen, deren Beantwortung zu einer Überarbeitung des Referentenentwurfes für ein neues Schulgesetz führen müsste. 

1.       Wie eigentlich soll eine Schule sein, die individuelle Förderung sicherstellt und das Wiederholen einer Klasse zur absoluten Ausnahme macht?

2.      Welchen Sinn machen in diesem Zusammenhang Noten und ganz besonders die so genannten Kopfnoten?

Ein unvoreingenommener Blick auf die Grundschule in NRW zeigt:
Die Grundschule in NRW ist die einzige Schulform, die das Ziel individueller Förderung in heterogenen Lerngruppen ohne Sitzenbleiben für alle Kinder realistisch erscheinen lässt und teilweise bereits erreicht hat. Grundschule hat bei internationalen Studien im Vergleich zu den Schulen der Sekundarstufe recht passabel abgeschnitten. Die bei PISA offensichtlich gewordenen Probleme sind Probleme der Sekundarstufe, nicht der Grundschule.
Seit Jahren und seit Jahrzehnten gelingt es in den ersten beiden Grundschuljahren,  Kinder mit höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in ihrer Leistungsfähigkeit und in ihrem Arbeits- und Sozialverhalten zu fördern, ohne dass dafür Ziffernnoten gebraucht werden.
Mit Blick auf die Erfahrungen der Grundschule formulieren wir drei Thesen:

1.       Wer wirklich individuelle Förderung will, braucht eine Schule, in der Kinder länger gemeinsam lernen. Eine solche Schule begreift die Heterogenität ihrer Klassen als Chance und Herausforderung – nicht als Problem!

2.      Wer wirklich individuelle Förderung will, braucht eine Schule, die jedem Kind Erfolge ermöglicht und so sein Selbstvertrauen stärkt und niemanden dauerhaft beschämt. Eine solche Schule braucht keine Noten und vor allem keine Kopfnoten.

3.      Wer wirklich individuelle Förderung will, braucht eine Schule, in der Kooperation und Beratung als dem Erteilen von Unterricht gleichwertige Teile der Lehrerarbeit angesehen werden. Eine solche Schule bekommt die dafür notwendige Zeit zur Verfügung gestellt.

Dagegen legen die Regelungen des Referentenentwurfes für ein neues  Schulgesetz den Schluss nahe, dass die Landesregierung zwar von individueller Förderung spricht,  aber individualisiertes Lernen in einem begabungsgerecht gegliederten Schulwesen meint, in dem die Kinder möglichst gut in möglichst homogene Gruppen einsortiert werden.
Da wird die individuelle Förderung groß geschrieben und angestrebt, das Sitzenbleiben von Schülern auf ein Minimum zu beschränken. Gleichzeitig werden aber Kopfnoten für Arbeits- und Sozialverhalten eingeführt. Hinzu kommen Noten in den Lernbereichen ab Klasse 2 und eine rigide Auslese bei der Verteilung der Kinder nach dem 4. Schuljahr auf verschiedene Schulformen. Den Schulen der Sekundarstufe wird dann auferlegt, jährlich darüber zu beraten, ob das entsprechende Kind nicht besser in einer Schule mit höheren oder niedrigeren Ansprüchen gefördert werden kann. 

Statt individuelle Förderung zu ermöglichen wird individuelle Auslese verordnet!

Diese und andere Maßnahmen des geplanten neuen Schulgesetzes gefährden das, was in Grundschulen seit Jahrzehnten anerkannte pädagogische Praxis ist.

Baldur Bertling, Stv. Vorsitzender der Landesgruppe

Die ganze Stellungnahme als .pdf-Datei gibt es hier .

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Synopse 
geltende Regelungen und geplante Änderungen

Die Landesregierung stellt im Internet eine .pdf-Datei zur Verfügung, die das derzeit geltende neue Schulgesetz mit den nun auf den Weg gebrachten Änderungen vergleicht. Das ist eine gute Arbeitsgrundlage für alle, die sich mit den geplanten Änderungen befassen und sie politisch unterstützen oder dagegen vorgehen wollen.
Da sagen wir den Verantwortlichen einen herzlichen Dank !

Wir bieten diese Synopse auch hier zum Download an - (Vorsicht - es handelt sich um eine .pdf Datei mit 1,51 MB)

(BB)

Zur Synopse 
auf den Seiten des Bildungsportals 
- Externer Link

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Niederkassel, d. 3. Februar 2006

Aktion Humane Schule:
Schulgesetzentwurf verfassungswidrig

Kopfnote für Rüttgers

Die Aktion Humane Schule (AHS) kritisiert Teile des Referentenentwurfs zum 2. Schulrechtsänderungsgesetz NRW als verfassungswidrig. Insbesondere die Beschneidung des Elternrechts bei der Wahl der weiterführenden Schule, die Aufhebung der Schulbezirke für Grundschulen sowie die Einführung einer Zeugnisnote für das Arbeits- und Sozialverhalten stehen nicht im Einklang mit Buchstaben und Geist der Landesverfassung von Nordrhein-Westfalen.

Art. 8 (1, Satz 2) der Landesverfassung lautet: „Das natürliche Recht der Eltern, die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu bestimmen, bildet die Grundlage des Erziehungs- und Schulwesens.“ Wenn das Elternrecht die Grundlage für das Bildungswesen darstellt, dürfe die Schullaufbahnprognose der Lehrkräfte in Klasse 4 keinesfalls über die zu besuchende weiterführende Schule entscheiden. „Hinzu kommt die wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, dass in diesem Alter keine zuverlässige Prognose gestellt werden kann und Lehrer/-innen eine Fehlerquote von ca. 40 Prozent auch bei bestem Wissen und Können nicht zu vermeiden vermögen“, erläutert AHS-Bundesvorsitzender Detlef Träbert (Niederkassel) die Kritik der Aktion Humane Schule.

 Die Auflösung der Schulbezirke für die Grundschulen fördere den Schülertourismus von 5- bis 10jährigen Kindern, gibt Träbert zu bedenken. 1920 sei die Grundschule bewusst als wohnortnahe Schule für alle Kinder begründet worden. Durch die Abschaffung der Schulbezirke werde die soziale Mischung der Schülerschaft gefährdet, die Entstehung von Ghettoschulen sei unvermeidlich. „Das bedeutet soziale Selektion vom ersten Schultag an – das Gegenteil von dem, was die drängendste Hausaufgabe der Bildungspolitik derzeit ist“, so Träbert. Entgegen Art. 10 (1) der Landesverfassung werde „die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stellung der Eltern“ maßgebend für die Aufnahme bereits in die Grundschule sein.

Ein „förderliches Verfahren“ nennt Träbert die Beschreibung von Arbeits- und Sozialverhalten im Zeugnis mit Worten. „Worte können eine Entwicklung aufzeigen und weitere Entwicklungsziele benennen“, argumentiert der Diplom-Pädagoge. Die Vergabe einer Kopfnote jedoch, wie es vorgesehen ist, bewerte mit dem Verhalten gleichzeitig die Persönlichkeit. „Eine solche Stigmatisierung widerspricht dem verfassungsmäßigen Recht eines jeden Kindes auf ‚Achtung seiner Würde als eigenständige Persönlichkeit und auf besonderen Schutz von Staat und Gesellschaft’ [Art. 6 (1)].“

Diese wie auch etliche andere geplante Änderungen des Schulgesetzes dienten nicht der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für eine leistungsfähigere und sozial gerechtere Schule. Sie seien lediglich Ausdruck einer überholten Ideologie, die immer noch von „begabungsgerechten“ Schulen träumt. „Ein Ministerpräsident hat Schaden vom deutschen Volk zu wenden und die Verfassung zu achten“, zitiert Träbert den Amtseid. Jürgen Rüttgers habe die politische Verantwortung für den Entwurf eines neuen Schulgesetzes, das dem Volk Schaden zufügen und mit der Landesverfassung in Konflikt geraten werde. Die Kopfnote der Aktion Humane Schule für den Ministerpräsidenten sei ein klares „unbefriedigend“.

 

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