Eine
Bildungsreise durch Südtiroler Schulen
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ÜbersichtEine BildungsreiseAnne Ratzki berichtet, wie Deutsche mit einem integriertes Schulsystem leben, ohne Auslese und ohne Gymnasium. Den Bericht habe ich gefunden im FORUM, der Zeitschrift des Stadtverbandes Köln der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Kommentar dazuDazu von Prof. Dr. Georg Lind ein kurzer Kommentar , den Rolf Kielblock aus der Bundesgeschäftstelle in seinem Pressespiegel veröffentlich hat. Den Beitrag von Anne Ratzki gibt es hier auch als pdf-Datei zum Ausdrucken. (BB) |
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Anne Ratzki „Wir achten die Einzigartigkeit eines jeden Kindes und vertrauen auf sein Potenzial“Eine Bildungsreise durch Südtiroler SchulenKönnen Deutsche mit einem integrierten Schulsystem leben, ohne Auslese und Gymnasium? Mit einem Schulsystem, das bis Klasse 8 auf Noten verzichtet? Das Kinder und Jugendliche bis zum Abitur nach dem individuellen Lernfortschritt bewertet? In dem jeder Schüler, jede Schülerin die Oberstufe frei wählen kann? Das alle Behinderten integriert? Die Deutschen in Südtirol können das, sie können es sogar sehr gut. So gut wie die Finnen – das war das Ergebnis von PISA 2003. Vor zwei Jahren fiel mir bei einem Urlaub im Gadertal auf, wie mühelos die Menschen zwischen drei Sprachen hin und her wechselten – ladinisch, deutsch und italienisch. Gespräche im ladinischen Zentrum in St. Martin in Thur verstärkten mein Interesse an einer Schule, die auf Mehrsprachigkeit aufbaute. Nachforschungen über die Südtiroler Schulen brachten noch weitere interessante Informationen: Auch in Südtirol gilt das italienische Schulsystem: Auf fünf Jahre Grundschule folgt eine dreijährige Mittelstufe und eine 5-Jährige Oberstufe. 8 Jahre gehen alle Kinder gemeinsam zur Schule. Die Oberstufe ist meist doppelt qualifizierend, aus jedem Zweig kann man die Matura erreichen. Und bei PISA 2003 wurde Südtirol gesondert untersucht und erreichte im Leseverstehen und in Mathematik und Naturwissenschaften finnische Werte. Ich wollte wissen: Wie machen die Südtiroler das? In den Herbstferien 2005 war es so weit: Mit zwei Kolleginnen aus GEW und GGG reiste ich nach Südtirol. Wir besuchten Bildungseinrichtungen aller Schulstufen, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, freundlich und kompetent betreut vom Schulverbund Pustertal. Unsere Bildungsreise begann im Kindergarten, der in Italien ganz klar zum Bildungssystem gehört. Fast alle Kinder besuchen ab 3 Jahre den Kindergarten, für jüngere Kinder gibt es den Hort oder es werden geschulte Tagesmütter vermittelt. KindergärtnerInnen werden seit 2002 mit den GrundschullehrerInnen gemeinsam akademisch ausgebildet. Im Kindergarten lernen die Kinder die erste „Fremdsprache“: die deutsche Hochsprache. Für die meisten gilt zuhause der Südtiroler Dialekt oder die ladinische Sprache. In der ersten Klasse der Grundschule kommt Italienisch dazu, in der dritten Klasse Englisch. Zweisprachigkeit mit Deutsch und Italienisch ist in Südtirol verpflichtend für alle: wer eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst haben möchte, muss eine Zweisprachigkeitsprüfung ablegen – selbst Reinigungskräfte! Eine wichtige Rolle spielt die Dokumentation der Fortschritte der Kinder. So wird für alle Kinder ein Portfolio angelegt, bevor sie in die Schule gehen. Es enthält persönliche Aussagen, Produkte der Kinder, Berichte über ihre Erfolge und Sternstunden und will den Kindern Mut machen und ihr Selbstwertgefühl stärken. „Wir achten die Einzigartigkeit eines jeden Kindes und vertrauen auf sein Potenzial“ haben sich die pädagogischen Fachkräfte des Kindergartens in Gais als Jahresthema gewählt. Es gehört zu einem Leitbild, das die Kindergärten in Südtirol vor 4 Jahren gemeinsam erarbeitet hatten Das Pustertal ist das kinderreichste Tal Europas – Familien mit 4 oder 5 Kindern sind keine Seltenheit. Mit den Grundschulen arbeiten die Kindergärten eng zusammen. Wenn bei einem Kind „besonderer Bedürfnisse“ – der Südtiroler Begriff für sonderpädagogischen Förderbedarf - vermutet werden, erstellt der Gesundheitsdienst ein sog. „Funktionsgutachten“ und das Kind erhält spezielle Förderung. 1977 wurden, wie überall in Italien, alle Sonderschulen geschlossen, alle behinderten Kinder sind in die allgemeine Schule integriert. In den Südtiroler Schule ist es selbstverständlich, dass Lehrer und Lehrerinnen genau auf das einzelne Kind achten, auf die Entwicklung seiner fachlichen und sozialen Fähigkeiten. Beides wird als gleich wichtig angesehen. Das Bewertungssystem zeigt, wie konsequent dies umgesetzt wird. Seit 1977 gibt es keine Ziffernnoten mehr. 1993 wurden individuelle Bewertungsbogen eingeführt. Die Bewertungsstufen „ausgezeichnet“, „sehr gut“, „gut“, genügend“ „nicht genügend“ dienen dazu, das Kind mit sich selbst zu vergleichen und seinen eigenen Lernfortschritt und seine eigene Anstrengung zu bewerten. Sie bedeuten keinen Rangplatz des Kindes in der Klasse. So kann ein „Sehr gut“ bei dem einen Kind etwas völlig anderes bedeuten als ein „Sehr gut“ bei einem anderen Kind. Ganz offensichtlich kommt die Südtiroler (und die italienische) Gesellschaft mit einem nicht-vergleichenden Bewertungssystem ohne weiteres klar, wir haben keine Kritik daran gehört. Einen neuen und sehr engagierten Akzent setzt neuerdings das Bemühen, die Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Verschiedenste Formen des Offenen Unterrichts konnten wir in jeder der besuchten Schulen beobachten. In der Grundschule arbeiteten die SchülerInnen in Freiarbeits-Stunden innerhalb der Klassen an Stationen; in der Mittelschule wurden SchülerInnen aus drei Jahrgängen in altersgemischte Gruppen gelost und entschieden selbst, was sie im Offenen Unterricht bearbeiten wollten. In der Oberstufe hatten die Lehrkräfte eine reiche Sammlung von Mappen und Ordnern angelegt mit Materialien zu den verschiedensten Themen, aus denen die SchülerInnen im Offenen Unterricht wählen konnten. Im Rahmen der Schulreform von 2003, die nach der Bildungsministerin „Muratti-Reform“ genannt wird, soll dadurch die Individualisierung des Lernens weiter gestärkt werden. Die Südtiroler Schule kennt auch Begabtenförderung. Als wir in der Mittelschule Welsberg mit der Sonderschullehrerin sprachen, die uns als Förderlehrerin für besonders Begabte vorgestellt wurde, erzählte sie uns gleich begeistert von Maria, einer sozial hochbegabten Schülerin. Als dieses Mädchen in die Klasse gekommen sei, habe sie Streitigkeiten geschlichtet, sich um sozial schwierige Kinder gekümmert, das Klassenklima günstig beeinflusst und als Klassensprecherin sehr positiven Einfluss genommen. In Mathematik und Sprache sei sie nicht so gut gewesen. In einem anderen Fall habe man einen Schüler mit LRS jahrelang in Rechtschreiben gefördert, ohne sichtbaren Erfolg; erst als seine Begabung in Mathematik besonders gefördert worden sei, sei auch seine Rechtschreibung besser geworden. Was macht die Südtiroler Schulen so erfolgreich? Wie in Skandinavien oder Kanada sind es viele Elemente, die zum Erfolg beitragen. Die Basis ist auch hier ein Schulsystem, das Kinder nicht ausgrenzt, sondern bis zum Ende der Schulzeit auf Inklusion besteht. Daraus hat sich eine Schulkultur entwickelt, die das einzelne Kind achtet, seine Persönlichkeit wert schätzt und die Stärken des Einzelnen fördert. Dazu gehört eine Leistungsbewertung, die konsequent auf den persönlichen Lernfortschritt bezogen ist und zum Lernen ermutigt, nicht durch negative Rückmeldungen Angst macht und entmutigt. Auch die äußeren Umstände tragen dazu bei: Schöne Schulgebäude, originelle Schulhöfe und Schulumgebungen, eine gepflegte und moderne Einrichtung, gut ausgestattete Bibliotheken. Und vor allem Lehrkräfte, die durch FörderlehrerInnen und Assistenten unterstützt werden, die Planungs - und Teamzeiten auf ihre Arbeitszeit angerechnet bekommen und durch Fortbildungen auf neue Aufgaben vorbereitet werden. Die Schulen im deutschsprachigen Südtirol sind der Beweis: Es gibt kein deutsches Selektions-Gen, es gibt nur schlechte deutsche Schulpolitik. (c) Erschienen im Novemberheft (2005) des "Forum", hrsg. GEW Köln - Achtung: dieser externe Link führt auf die Seite der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Stadtverband Köln |
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Kommentar:
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Anne
Ratzki, Lehrerin für Deutsch und Englisch, 1970 bis 1995 Schulleiterin an Gymnasium und Gesamtschule Köln-Holweide, 1995 bis 1999 Dezernentin für Gesamtschulen bei der Bezirksregierung Köln. Seit 2001 Schwerpunkt Internationale Schulentwicklung. Internationale Projekte im Zusammenhang mit TIMSS und PISA, Schulbesuche und Seminare in erfolgreichen Ländern und Veröffentlichungen zu diesem Thema. Vorsitzende des Instituts zur Förderung der Teamarbeit, dort Lehrerfortbildung und Schulleitungsfortbildung. Lehrerausbildung an der Universität Köln und Universität Paderborn. Mitglied des Landesvorstands der GEW NRW 1981 bis 1987, Bundesvorsitzende der GGG 1988 bis 1993, z.Z. Mitglied der Bundesschiedkommission der GEW) |
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Prof. Dr. Georg Lind Mehr über diesen externen Link http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/lind.htm
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