| NRZ - Blickpunkt Grundschule - Do., 10. November 2005 | |||
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Übersicht „Was
der Lehrer sagte, war Evangelium“ Praxisschock Lesen
ist oft ein Problem Kinder
unter Druck Die
Kinder ein Stück begleiten Hier gibt es alle Artikel als .pdf-Datei zum Ausdrucken
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„Was der Lehrer
sagte, war Evangelium“
NRZ (10.11.05) ESSEN. "Die Kinder haben sich sehr verändert." Davon ist Felicitas Stücker überzeugt. Die 64-Jährige ist seit vierzig Jahren Lehrerin. Sie unterrichtet an einer katholischen Grundschule im Essener Süden. "Ich stelle immer wieder fest, dass sich die Schüler schlechter konzentrieren können als früher", erzählt sie. Es ist unruhiger in der Klasse, die Kinder befolgen die Regeln nicht so gehorsam wie damals. Damals - das war Mitte der 60er Jahre, als Felicitas Stü-cker, das Staatsexamen in der Tasche, als Klassenlehrerin an einer Grundschule im Essener Norden anfing. Mit über 40 Kindern, die ihr gegenüber saßen. Was war früher anders als heute? Und warum? Ein Erklärungsversuch. Der Unterricht war in den 60er Jahren straffer als heute. Lehrer unterrichteten frontal, ein Thema wurde eingeführt und dann hieß es: üben, üben, üben. "Es wurde jeden Tag gelesen, jeden Tag geschrieben, jeden Tag gerechnet - mehr als heute", erinnert sich die zweifache Mutter. Moderne Methoden wie beispielsweise Freiarbeit oder Erzählkreise fordern Zeit. Nachmittags mehr Bücher gelesenKonnten Schüler früher besser lesen? "Ich denke ja. Zum einen, weil mehr Drill da war. Zum anderen, weil die Kinder nachmittags mehr Bücher gelesen haben. Es gab ja nicht so viel anderes. Heute ist das Fernsehen ist für viele Eltern die beste Verwahranstalt." Und die Disziplin? "Die war eindeutig besser. Die Kinder kannten ihre Pflichten. Wenn ich damals ein energisches Wort gesprochen habe, dann wirkte das auch." Sie ließ Schüler gelegentlich nachsitzen und machte Hausbesuche bei den Eltern. "Was der Lehrer sagte, war Evangelium." Heute vermisst sie diesen Respekt bei vielen. "Ich finde es schön, dass die Mitarbeit der Eltern heute intensiver ist als früher. Aber ich würde mir wünschen, dass sie mehr Vertrauen in uns Lehrer haben." Ob Noten, Zeugnisse oder Empfehlungen für weiterführende Schulen - Eltern meinen oft, es besser zu wissen als die Lehrer. Prügeleien gab es vor 40 Jahren auch, doch "insgesamt waren die Kinder nicht so aggressiv", meint die 64-Jährige. "Die konnten sich nachmittags doch so richtig draußen austoben." Ihr Wunsch: "Eltern sollten ihre Kinder mehr erziehen, sich mehr Zeit nehmen." Und keinen Druck ausüben. "Kinder sollten nicht mit Bauchschmerzen lernen." (NRZ) 09.11.2005 KATRIN
MARTENS
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Praxisschock nach StudiumNRZ (10.11.05) ESSEN. In den Klassenzimmern nordrhein-westfälischer Grundschulen treffen mitunter Welten aufeinander. Da stehen junge Lehrer vor Schülern, von denen die einen permanent den Unterricht stören, während die anderen bereits dicke Bücher lesen und die dritten nicht eins und eins zusammenzählen können - und die Pädagogen sind kaum ausreichend auf die Situation vorbereitet. Denn der Umgang mit wachsendem Leistungsgefälle und schwierigen Kindern ist kein elementarer Bestandteil des Lehramtstudiums an den Unis. Zwar lernen angehende Grundschullehrer viel über Phonetik und spezielle Mathematik. Psychologische Fächer, die beim Erkennen von Lern- und Verhaltensauffälligkeiten helfen können, sind dagegen nicht zwingend vorgeschrieben, kritisieren Referendare. Dabei ist genau diese Kompetenz zunehmend gefragt - weil die Folgen des gesellschaftlichen Wandels längst in den Grundschulen angekommen sind. Den Praxisschock erleben Junglehrer nach dem Studium. Schwindende Lesekompetenz und andere Probleme haben tiefere Ursachen: Dazu zählt eine wachsende Zahl von Eltern, die ihren Kindern zuwenig vorlesen oder sich nicht für deren Hausaufgaben interessieren. Als Trost für fehlende Zuwendung gibt´s den Fernseher zum sechsten Geburtstag: Konsum statt Unterstützung. "Einige Kinder sehen gar nicht ein, warum sie lernen sollen", beschreibt Schulpsychologe Reinhard Schmitz das Phänomen. "Die Lehrer sind damit überfordert, weil ihnen die notwendigen Unterstützungssysteme fehlen", kritisiert Udo Beckmann, Landeschef des Verbandes Bildung und Erziehung. Wenn Schulen mehr Erziehungsaufgaben übernehmen müssen, dann brauche man dazu Sozialpädagogen und Psychologen. Aber auch an die Eltern will man ran: Sie sollen künftig ebenfalls verstärkt in den Unterricht. (NRZ) SONJA VOLKMANN |
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Lesen ist oft ein ProblemNRZ (10.11.05) DUISBURG. Schulleiter Rektor Manfred Schwetasch (64) und Konrektorin Hildegard Gabler (54) arbeiten in der Gemeinschaftsgrundschule an der Humboldtstraße in Duisburg, Alt-Hamborn. Zur Schule:Wir unterrichten 292 Kinder. Unsere Schule ist dreizügig. Zwei von drei Kindern haben Migrationshintergrund, die meisten türkischer Herkunft, aber wir lernen auch mit Kindern aus Sri Lanka oder Osteuropa. Von den türkischen Kindern hat die Hälfte einen deutschen Pass. Die Klassenstärke schwankt zwischen 19 und 29 Kindern. Wir haben ausreichend Lehrkräfte, zumal wir das Glück hatten, eine der 1000 neu eingestellten Lehrer(innen) abzubekommen. Unser Kollegium besteht aus 17 Kräften. Wir arbeiten also mit einer ausreichenden, aber nicht optimalen Lehrer-Situation. Die Schule liegt in einer sozial problematischen Umgebung, 54 Kinder kommen mit dem Bus, der Ausländeranteil im Stadtteil steigt, ebenso die Arbeitslosigkeit. Zehn Prozent der Eltern beziehen ALG II. Problematisch ist zudem, dass in der Nähe eine Konfessionsschule ist, an der deutsche und bildungsbewusste türkische Eltern ihre Kinder anmelden. Das wird sich verschärfen, wenn die Schulbezirksgrenzen aufgehoben werden. Zu den Eltern:Grundsätzlich arbeiten unsere Eltern schon mit, auch die türkischen. Aber zu den Elternabenden kommen höchstens 30 Prozent. Unsere Förderempfehlungen für Kinder werden oft nicht konsequent beachtet. Unser Eindruck ist: Eltern haben zu wenig Zeit für ihre Kinder. Das liegt an beruflichen Verpflichtungen, teilweise fehlt das Bewusstsein dafür, welche Bedürfnisse Kinder haben: nämlich Zuwendung, eine anregungsreiche Umgebung mit vielen realen Erlebnissen. Also eher ein Zoobesuch als ein Video über Tiere. Bei vielen Familien läuft der Fernseher auch nachts. Bei den Hausaufgaben müssen Geschwister helfen, weil Vater oder Mutter nicht ausreichend Deutsch können. Zum Unterricht:Die Freude am Lernen ist bei jedem Kind da. Aber bei uns entspricht der Leistungsstand nicht vollständig den verbindlichen Anforderungen besonders für Lesen und Schreiben. Das größte Problem ist das Lesen. Dabei geht es nicht ums rein Technische, sondern ums Verständnis des gelesenen Inhalts. Bewährt hat sich die Sprachförderung in Duisburger Kindergärten. Das Sprachproblem ist damit zwar nicht gelöst, aber wir können uns irgendwie verständigen, zumal ein Lehrer im muttersprachlichen Unterricht hilft. Zudem beteiligen wir uns am Schulversuch "Islamkunde". In den Pausen wird gebalgt, das gab es schon immer. Auffällig ist, dass ein Gespür für Grenzen fehlt. Wir kennen Beispiele, in denen im Unterricht Stühle durch die Luft flogen und Lehrerinnen angegriffen wurden. Es gibt therapiebedürftige Kinder, denen wir nur begrenzt helfen können. Unser Antrag auf Anstellung eines Sozialpädagogen und eines Sonderpädagogen wurde vom Ministerium nicht beantwortet. Wir erneuern den Antrag. 60 Prozent unserer Viertklässler gehen zur Gesamtschule, jeder Fünfte zum Gymnasium, acht Prozent besucht die Realschule und jedes achte Kind geht auf eine Hauptschule. (Mi/NRZ)
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Kinder unter DruckNRZ (10.11.05) MÜLHEIM. Rektorin Gabriele Romagno (53) und Konrektorin Birgit Altehage (45) unterrichten an der Gemeinschaftsgrundschule (GGS) Oemberg in Mülheim-Saarn. Zur Schule:Wir haben 507 Schüler und noch jährlichen Zuwachs, weil wir Zuzugsgebiet sind. Damit sind wir die größte von 34 Grundschulen in Mülheim. Unsere Schule ist vier- bis fünfzügig. Der Ausländeranteil tendiert gen null - da gibt es vielleicht zwei Kinder pro Jahrgang. Wir habe große Klassen, in der Regel mit 28 bis 30 Kindern. In diesem Schuljahr haben wir auch ausreichend Lehrkräfte. Wir sind 24 Kollegen, 14 arbeiten Vollzeit. Es ist ein junges Kollegium, im Schnitt um die Mitte 30. Im laufenden Schuljahr haben wir zum ersten Mal eine Klasse 1 mit 25 Schülern, die ganztägig bei uns ist. Die Kinder kommen morgens um acht Uhr und gehen um 16 Uhr. Zu den Eltern:Unsere Schüler kommen überwiegend aus Mittelschicht-Familien. Unsere Elternabende sind gut besucht, in der Regel kommen Mutter und Vater gemeinsam. Die Eltern wissen, dass der Schulabschluss entscheidend für die spätere berufliche Laufbahn sein wird. Im dritten und vierten Schuljahr haben wir Noten-Zeugnisse. Problematisch ist, wenn Eltern eigentlich nur die Noten 1 bis 3 sehen wollen und die 3 dann schon für etwas Bedenkliches halten, das die spätere Hochschullaufbahn des Kindes gefährden könnte. Da wäre etwas mehr Gelassenheit wünschenswert. Ein Kind darf auch einmal eine 4 haben. Die Anforderungen, die Eltern stellen, sind sehr hoch und kann die Kinder sehr unter Druck setzen. Wenn wir das Gespräch mit Eltern suchen, weil ein Kind sich fehlverhalten hat, sind wir als Lehrer mittlerweile in der Beweispflicht, dass das von uns Vorgetragene auch stimmt. Sehr oft nehmen Eltern eine defensive Haltung ein. Motto: "So etwas macht mein Kind nicht." Zum Unterricht:Die Kindern kommen aus bildungsnahen Familien. Sie wollen was lernen. Im landesweiten Vergleich steht unsere Schule gut da. Von unserer Schule wechseln keine Kinder zur Hauptschule, einige, wenige zur Gesamtschule. 70 Prozent gehen aufs Gymnasium. Bei den Abgängern aus der vierten Klasse könnte das Leseverständnis und die Fähigkeit, beim Rechnen Textaufgaben zu lösen, verbessert werden. Wir üben das in der Schule sehr, schön wäre, wenn dies im Elternhaus noch stärker begleitet würde. Wenn es um ein Buch geht, hört man oft: ,Das habe ich auch auf CD oder auf Kassette.´ Aber Lesen nicht nur mit dem Schulbuch und einer Pflicht zu verbinden, ist sehr wichtig. Das Lesen etwas Faszinierendes ist, muss zu Hause mehr vermittelt werden. Das Kinder Probleme beim Rechnen mit Textaufgaben haben, hängt auch mit der komplexen Aufgabe zusammen. Da muss was gelesen, verstanden und umgesetzt werden. Oft muss Eltern klar gemacht werden, dass die Kinder bei uns eine ordentliche Arbeitszeit absolvieren. Viele Kinder sind auch in der Freizeit total verplant. Die Eltern sollten mehr Luft zum Kindsein lassen, zum Spielen. Denn dieses Schnell-auf-schnell, unterdrückt auch die Kreativität. (jub/NRZ)
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Die Kinder ein Stück begleitenNRZ (10.11.05) SONJA VOLKMANN / ANDREAS FETTIG ESSEN. Grundschullehrer: Für viele - besonders für Frauen ist das auch heute noch ein Traumberuf. „Es ist schön, dass man die Kinder ein Stück begleiten kann, damit sie gut ins Leben kommen“, schwärmt Sandra Zink-Höfer. Die 26jährige Referendarin hat trotz aller Widrigkeiten, die der Beruf mit sich bringt, am Wunsch festgehalten, den jüngsten das Lesen und Schreiben beizubringen. In wenigen Monaten beendet die fröhliche Frau ihre zweijährige Referendariatszeit. Und blickt zurück auf eine Ausbildung, an der sie einiges zu kritisieren hat. „Es gibt im ersten Teil zu wenig Praxisbezug.“ „Man fängt im Referendariat etwas komplett Neues an“, unterstreicht ihm Kollegin Christina Kamps. An der Universität werde man kaum darauf vorbereitet, wie man auf Lern- und Sprachschwierigkeiten der Kinder reagiert, wie man die Kleinen benotet. Experten malen kein HorrorszenarioEine Einschätzung, die sich mit der Kritik des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) deckt. „Man braucht ein Netzwerk unterschiedlicher Professionen“, fordert der Landesvorsitzender Udo Beckmann. Man dürfe die Lehrer mit den Problemen nicht alleine lassen. Wenngleich die jüngste Auswertung von IGLU den Grundschulen bescheinigt hat, dass die Neunjährigen im internationalen Vergleich nicht schlecht dastehen, und Verbandsvertreter kein „Horrorszenario Grundschule“ malen mögen, sind sich Experten und Beteiligte einig, dass die Qualität verbessert werden kann. Ob das durch die Auflösung der Schulbezirke erreicht wird, bezweifelt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Der Vizevorsitzende des Grundschulverband, Baldur Bertling, möchte mit Blick auf die Erfolge der skandinavischen Länder stattdessen die gesamte Grundschulphase verlängern, Auch diese Forderung zielt auf einen Kritikpunkt, den der jüngste internationale Schulvergleich erneut unterstrich: Wie in kaum einem anderen Industrieland entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über die Schulkarriere. Der von der Bundesgierung zu diesem Thema berufene wissenschaftliche Beirat urteilte 2002, dass "die Familie als Ort der Bildung gestärkt werden müsse, wenn weitere Maßnahmen der Bildungsförderung nicht vergebens sein sollen". Das Schlagwort dazu heißt: Elternbildung: Um ihren Kinder helfen zu können, brauchen viele Väter und Mütter selbst Anleitung. Gemeinsame Sprachkurse für Migrantenkinder und ihre Mütter sind Instrumente, mit denen in NRW dieser Ansatz verfolgt wird. Der Regierungsbeirat empfiehlt zudem "Erziehungspartnerschaften" zwischen Schulen und Eltern, stellt aber fest, dass es da hapert: Wenn Kommunikation stattfindet - dann geht es meist um Konflikte, also schlechte Zensuren, Fehlverhalten, gegenseitige Vorwürfe. Andererseits erleben Schulen immer wieder, dass Angebote zur Elternbildung in erster Linie von jenen angenommen werden, die es nicht nötig hätten - bildungsferne Schichten werden kaum erreicht. Die Gründe sind vielfältig - das Empfinden, bevormundet oder stigmatisiert zu werden etwa. Fachleute raten daher vor allem zu extrem niedrigschwelligen Angeboten, das heißt, mit einem Kursangebot ist es nicht getan. Erst müssen Hemmschwellen abgebaut werden durch Elternbriefe, informelle Gespräche, gemeinsame Veranstaltungen. Ganz weit geht eine Schule in Berlin, die den Eltern bei der Einschulung ebenfalls zehn Stunden Unterricht aufbrummt. Inhalt: Wie betreue ich Hausaufgaben, wie setze ich meinem Kind Grenzen, wie lobe ich richtig. (NRZ) |
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