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Feste
Schulbezirke Ein Beitrag von Hans Brügelmann zur aktuellen Debatte
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von Prof. Hans Brügelmann mit den Bitte, ihn ggf. weiter zu verbreiten.
Das erledigen wir hiermit gerne und hoffen damit einen weiteren Beitrag
zur Versachlichung der Debatte um die Aufhebung der Schulbezirksgrenzen zu
leisten.
Der Text wurde mit zusätzlichen Überschriften für diese Website aufgearbeitet und als pdf-Datei zum Ausdrucken bereitgestellt. (Die Druckversion erreichen Sie hier)
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| Übersicht
In Deutschland ist die einzige flächendeckend eingeführte gemeinsame Schule für alle die Grundschule. Durch Festschreibung der Schulbezirke (sog. „Sprengelprinzip“) soll erreicht werden, dass alle Kinder wohnortnah und – unabhängig von sozialer Herkunft – gemeinsam unterrichtet werden.Die CDU-/ FDP-Koalition in Nordrhein-Westfalen hat angekündigt, dieses Prinzip aufzugeben. Ihre zentralen Argumente werden in diesem Beitrag kommentiert: 1. "Brennpunkte und Problemschulen" 2. "Ausnahmen bereits heute möglich" 3. "Besonderes Profil bereits in der Grundschule" 4. "Unangetastetes Recht auf wohnortnahe Schule" 5. "Fairer Wettbewerb mit zusätzlichen Mittel" (BB 4.1.06) |
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Hans Brügelmann
' Feste
Schulbezirke Stellungnahme für die Fraktion „Bündnis90/Die Grünen“ im Stadtrat von Hilchenbach. In Deutschland ist die einzige flächendeckend eingeführte gemeinsame Schule für alle die Grundschule. Durch Festschreibung der Schulbezirke (sog. „Sprengelprinzip“) soll erreicht werden, dass alle Kinder wohnortnah und – unabhängig von sozialer Herkunft – gemeinsam unterrichtet werden. Zentrale ArgumenteDie CDU-/ FDP-Koalition in Nordrhein-Westfalen hat angekündigt, dieses Prinzip aufzugeben. Ihre zentralen Argumente, kurz kommentiert: 1. "Brennpunkte und Problemschulen"Die
bisherigen Schulbezirksgrenzen haben nicht davor bewahrt, dass sich
Grundschulen vor allem in sozialen Brennpunkten auf Grund der
Zusammensetzung ihrer Schülerschaft zu ‚Problemschulen’ entwickelt
haben. (...) Brü: Dieses Problem besteht aber völlig unabhängig von der Existenz fester Bezirksgrenzen, ist vor allem nicht deren Folge, sondern Ergebnis des Gießkannenprinzips bei der Finanzierung, das nur begrenzt durch Sonderzuweisungen (z. B. für einen hohen Anteil an MigrantInnenkindern) ausbalanciert wird. Die angemessene Maßnahme wäre also, Schulen, die unter schwierigeren Bedingungen arbeiten, mehr Unterstützung zu geben (s. dazu auch unten 5.). 2. "Ausnahmen bereits heute möglich"Schon
heute ist es nicht so, dass jedes Kind die für seinen Wohnort zuständige
Grundschule besucht. Aus wichtigem Grund sind Ausnahmen möglich. Wie man
gegenüber der Schulaufsichtsbehörde die Genehmigung einer solchen
Ausnahme durchsetzt, wissen vor allem die Eltern aus bildungsnahen
Familien, ... Brü: Auf den ersten Blick ist dieses Argument plausibel. Denkt man seine Logik allerdings konsequent fort, müsste man auch Geschwindigkeitsbeschränkungen, Parkverbote, Steuergesetze und andere Vorschriften aufheben, o
weil sie ebenfalls nicht flächendeckend
durchgesetzt werden (können) und o weil Angehörige der oberen Sozialschichten sie leichter umgehen können bzw. weniger von den Sanktionen tangiert werden als diejenigen, die über weniger Mittel bzw. Ausweichmöglichkeiten verfügen. Mit der Freigabe der Schulwahl würde
diese zu Recht kritisierte soziale Asymmetrie allerdings auch nicht
aufgehoben. Nur Eltern, die ökonomisch in der Lage sind, den Transport
ihrer Kinder selbst zu organisieren bzw. zu finanzieren, können von dem
Wahlrecht tatsächlich Gebrauch machen. Außerdem zeigt die internationale
Forschung, dass Wahlmöglichkeiten von Ober- und Mittelschichteltern stärker
genutzt werden als von Mitgliedern der Unterschicht – sowohl bei Wahlen
innerhalb des öffentlichen Schulsystems als auch beim Wechsel in
Privatschulen (vgl. das Resümee von van Zanten 2005, 160, 166). Die
Wahrnehmung der Wahlmöglichkeiten ist also nicht nur eine Frage der
Ressourcen, sondern auch der unterschiedlich entwickelten
Bereitschaft und Fähigkeit, Optionen zu nutzen (a. a. O., 161). 3. "Besonderes Profil bereits in der Grundschule" Es
gibt Grundschulen, die ein spezielles Profil haben, das nicht für alle
Eltern von Interesse ist. Wenn Schulen ein spezielles Profil entwickelt
haben, ist es nur konsequent, dass auch Kinder aus dem gesamten
Stadtgebiet solche Schulen besuchen dürfen. (...) Brü: Auch diese Begründung ist
ambivalent. So sehr das Passungsprinzip einleuchtet – es ist gerade die
Funktion der Grundschule, Kindern andere Erfahrungen zu eröffnen, als die
Familie dies tut. Ganz bewusst relativiert der Allgemeinbildungsauftrag
der Grundschule das Prinzip der Passung von familiärer und schulischer
Erziehung. Ein Wahlrecht bei zurückgehenden Schülerzahlen würde die
Schulen dagegen unter verstärkten Druck setzen, spezifischen Wünschen
einflussreicher Eltern ihres Bezirks nachzugeben, wie Erfahrungen etwa in
den USA zeigen. Damit wird der Anspruch aufgegeben, ein inhaltlich
vergleichbares Bildungsangebot für alle Kinder der Gesellschaft bereit zu
stellen. Zudem ist die Grundschule nicht nur
Ort des fachlichen, sondern auch des sozialen Lernens: In der Grundschule
sollen Kinder verschiedener sozialer Schichten und kultureller Milieus
lernen, konstruktiv miteinander umzugehen. Gerade eine pluralistische
Demokratie ist angewiesen auf gemeinsame Grunderfahrungen ihrer
Mitglieder. 4. "Unangetastetes Recht auf wohnortnahe Schule"Auch
nach dem Wegfall der Schulbezirke werden die Eltern selbstverständlich
das Recht haben, ihr Kind bei der wohnortnächsten Grundschule anzumelden.
Die Eltern sollen einen durchsetzbaren Anspruch darauf haben, dass ihr
Kind dort aufgenommen wird. Soweit die Aufnahmekapazität es zulässt, können
darüber hinaus auch andere Kinder aufgenommen werden, die weiter von der
Schule entfernt wohnen. (...) Brü: Dieser Vorbehalt ist wichtig,
um eine Verdrängung von Kindern aus der wohnortnächsten Schule zu
verhindern. Angesichts der zurückgehenden Schülerzahlen stellt sich das
Problem aber umgekehrt: Es droht die Auszehrung von Schulen, die unter
erschwerten Bedingungen arbeiten, durch den Weggang derjenigen, die sich
einen aufwändigeren Schulweg leisten können. Die soziale Entmischung der
Gesellschaft, die teilweise schon durch die Wahl des Wohnorts gegeben ist,
wird verstärkt, wie etwa Erfahrungen in den USA, England und Schweden
zeigen. Damit droht eine Verdopplung milieuspezifischer Benachteiligungen,
die auch durch zusätzliche finanzielle Ressourcen nicht ausgeglichen
werden können: Diejenigen Kinder, o
die schon in der Familie weniger Anregungen und
Unterstützung für bildungswirksame Erfahrungen bekommen, o
leben im Alltag (Freundeskreis, institutionelle
Angebote) unter ungünstigeren Entwicklungsbedingungen und o
müssen in der Schule in anregungsarmen, weil sozial
homogenen Gruppen lernen[3]. Zugleich gehen Chancen für eine stärkere
soziale Integration der Erwachsenen verloren. Denn überall, wo sich die
Elternschaft in der gemeinsamen Schule ihrer Kinder engagiert, wird
indirekt eine stadtteilbezogene Interkulturalität praktiziert[4]. Aber
auch für die Kinder, deren Eltern ihnen mit dem Schulwechsel einen
Vorteil verschaffen wollen, können sich dadurch Probleme ergeben[5]. Alle
Kinder sollten eine wohnungsnahe Grundschule besuchen können, damit ihr
schulischer und ihr außerschulischer Lebensbereich für sie als Einheit
erfahrbar wird, als Lebensbereich, in dem sie als Kinder, die im öffentlichen
Verkehr noch nicht autark sind, relativ selbständig agieren können, ohne
zum Beispiel auf ständige Transporthilfe durch Erwachsene angewiesen zu
sein. Seitdem es die Grundschule gibt, gilt der Satz “Kurze Beine
kurze Wege“. Das bleibt für die moderne Schule ein zentraler Grundsatz:
Die Kinder erreichen ihre Schule selbstständig und möglichst zu Fuß,
die Verkehrserziehung hat hier im alltäglichen Lebensbereich der Kinder
ihren Ort. Die Schule nutzt die Orte und Einrichtungen des Wohnbezirks als
Lernorte und trägt dadurch dazu bei, dass sich Kinder ihrer Lebenswelt in
Struktur und Funktion bewusster werden. Zudem ist die Schule kultureller
Bestandteil des Wohnbezirks: Die Arbeit der Schulgemeinde verbindet sich
mit dem Leben im Stadtteil, die Schule beteiligt sich am Stadtteilleben
mit Ausstellungen, Projekten, Festen, Umzügen. 5. "Fairer Wettbewerb mit zusätzlichen Mittel"Die
Landesregierung wird den Wegfall der Schulbezirke so ausgestalten, dass er
zu einem fairen Wettbewerb führt. Dazu gehört auch, dass Schulen, die
unter besonders schwierigen Rahmenbedingungen arbeiten, weil sie z. B. in
einem schwierigen sozialen Umfeld liegen oder einen hohen Migrantenanteil
haben, besser ausgestattet werden als Schulen ohne diese Probleme.“
(MSW 2005) Brü: Das Wettbewerbsprinzip
scheint die Schlüsselidee des Konzepts zu sein: Durch Konkurrenz auf
einem freien Markt soll sich die Qualität von Schule und Unterricht
verbessern. Diese Annahme ist aber äußerst fragwürdig. Dazu kurz einige
Stichworte: ·
Die Hoffnung, Konkurrenz belebe das Geschäft,
verkennt, dass es sich bei Bildungschancen nicht um eine marktgängige
Ware handelt, sondern um ein öffentliches Gut, dessen Zugänglichkeit
unabhängig von den ökonomischen
Ressourcen und der Durchsetzungsfähigkeit der Betroffenen durch den Staat
zu sichern ist[6]. ·
Werden
die versprochenen zusätzlichen Mittel tatsächlich im erforderlichen
Umfang bereit gestellt werden (können), um Schulen in sozialen
Brennpunkten besser zu stellen – gegen die Ansprüche eloquenter und
einflussreicher Eltern in bevorzugten Wohnlagen? ·
Was
werden die Kriterien in der öffentlichen Darstellung von „Schulqualität“
sein? In der aktuellen Situation scheint das Abschneiden der SchülerInnen
in zentralen Vergleichstests der Maßstab zu sein, der auch von der
Landesregierung öffentlichkeitswirksam in den Vordergrund gerückt wird[7].
Internationale Erfahrungen zeigen aber, dass diese Form der Evaluation
eher kontraproduktiv für die Qualitätsentwicklung ist[8]
und dass ein solches Ranking eher die (oben bereits genannten) negativen
Wirkungen einer freien Schulwahl verstärkt[9].
Wie
soll die Motivation von LehrerInnen, die unter erschwerten Bedingungen
arbeiten, aufrecht erhalten werden, wenn die Qualität ihrer pädagogischen
Arbeit an sehr eng fokussierten didaktischen Kriterien gemessen wird und
die besonderen Bedingungen, unter denen sie zu erbringen ist, nicht
zureichend in Rechnung gestellt werden? Abschließende Einschätzung:Aktuell
sind wohl keine dramatischen Veränderungen zu erwarten – weder in
positiver noch in negativer Hinsicht. Mit weiter abnehmenden Schülerzahlen
und gleichzeitig zunehmendem politischem Druck auf ein Ranking der Schulen
dürften allerdings die jetzt schon im Ausland beobachtbaren
Negativwirkungen zunehmen: ·
Relativierung
des Allgemeinbildungsauftrags der Schule ·
Einengung
des Curriculum auf leicht abprüfbare Leistungsbereiche ·
soziale
Entmischung der Lerngruppen ·
Reduktion
der Lernchancen sozial benachteiligter Kinder. |
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Anmerkungen[3] Vgl. die entsprechenden PISA-Daten zum Einfluss der „Lernökologie“ der Klasse selbst bei vergleichbaren kognitiven Voraussetzungen und familiärem Milieu (so Baumert u. a. 2001, 182: „Auch bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und identischem sozioökonomischem Status ist die Leistung eines Gymnasiasten um 49 Punkte höher als die Leistung eines Hauptschülers“). [4] Ich danke meinem Kollege Ulrich Herrmann, Ulm, für diesen Hinweis. [5] Ich danke meinen Kollegen Horst Bartnitzky, Duisburg, und Peter Heyer, Berlin, für entsprechende Hinweise, die ich im Folgenden zum Teil wörtlich von ihnen übernommen habe. [6] Vgl. zu den Problemen bei einer Anwendung des Marktmodells auf öffentliche Aufgaben die analogen Erfahrungen im Gesundheitswesen, beim Verkehr und anderen Infrastrukturaufgaben Kap. 52 in Brügelmann (2005) und die entsprechenden Aktualisierungen unter è www.agprim.uni-siegen.de/schuleverstehen. [7] Vgl. den Vorschlag der NRW- Schulministerin zur Prämierung der „besten“ Grundschulen aufgrund der Ergebnisse bei der landesweiten Leistungserhebung VERA. [8] Vgl. zu den Problemen der sog. „Output“-Steuerung: Brügelmann (2005, Kap. 46-48) [9] Vgl. etwa für Schweden: von der Groeben (2003) |
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Quellen: Baumert, J., u. a. (Hrsg.) (2001): PISA 2000
– Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen
Vergleich. Leske + Budrich: Opladen. Brügelmann, H. (2005): Schule verstehen und gestalten – Perspektiven der Forschung auf Probleme von Erziehung und Unterricht. Libelle: CH-Lengwil. Ab 1.10.2005 fortlaufend [etwa alle sechs Monate] aktualisiert unter: http://www.agprim.uni-siegen.de/schuleverstehen . Groeben, A. v. d. (2003): Schule(n) in Schweden. Eindrücke von einer Bildungsreise. In: Neue Sammlung, 43. Jg., H. 2, 203-210. MSW (2005): Abschaffung der Schulbezirke. Rundmail an die Schulen. Ministerium für Schule und Weiterbildung:
Düsseldorf. van Zanten, A. (2005): New modes of reproducing social inequality in education: The changing role of parents, teachers, schools and educational policies. In: European Educational Research Journal, Vol. 4, No. 3, 2005 è www.wwwords.co.uk/pdf/viewpdf.asp?j=eerj&vol=4&issue=3&year=2005&article=1_van_Zanten_EERJ_4_3_web&id=84.157.67.216 [Abruf: 19.10.2005]
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