Pädagogische Leistungskultur
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Seite neu am 1.Dezember 2007 |
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Karawaneneffekt |
Bei nahezu jedem Kurzvortrag über Leistungserziehung,
Leistungsbewertung, Noten und Kopfnoten wird der sog. Karawaneneffekt
erwähnt.
Baldur Bertling |
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Liebe Leserin, stellen Sie sich einmal vor, Sie würden als einer der letzten Reiter in einer Karawane von 30 Kamelen auf die Reise geschickt. Nach vielen, vielen Tagen kämen Sie am Ende einer langen und mühseligen Reise endlich erschöpft am Ziel an. Dort erwartet Sie eine Jury, die Ihre Leistung misst. Das vernichtende Urteil lautet: Sie haben sich zwar bemüht, sind aber leider nur 25. geworden. 24 Reiter waren schon einige Minuten vor Ihnen da. Es interessiert niemanden, dass Sie die gleiche Strecke zurückgelegt haben wie die 24 Kamele vor Ihnen und dass der geringfügige Abstand im Vergleich zur Reisestrecke kaum bedeutsam ist – allein der Rangplatz zählt. In der pädagogischen Forschung wird ein solcher Karawaneneffekt immer wieder festgestellt: Leistungsschwächere Schülergruppen unterscheiden sich nicht durch stabile Eigenschaften („Schwächen“) als qualitativ „andersartig“ von den anderen, sondern sie sind sozusagen „zum falschen Zeitpunkt normal“. Fast alle Kinder machen in der Schule vergleichbar große Fortschritte. Auch wenn sie genauso erfolgreich dazulernen, erreichen die schwächeren Kinder die leistungsstärkeren nicht – weil sie von einem viel niedrigeren Ausgangsniveau gestartet sind. Denn schon weit vor Schulbeginn lassen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Kindern nachweisen: beim ersten Wort, beim Aufrechtgehen, beim Trockenwerden. Im 1. Schuljahr betragen die Unterschiede zwischen den Kindern in den einzelnen Lernbereichen (z. B. im Bereich Schriftspracherwerb oder Mathematik) sogar 3– 4 Entwicklungsjahre. Derartige Karawaneneffekte zeigen sich im Vergleich von jüngeren zu älteren Kindern, von leistungsschwächeren zu leistungsstärkeren SchülerInnen, bei Migrantenkindern in Bezug zu deutschsprachigen SchülerInnen – und das nicht nur in der Grundschule, sondern auch in der Sekundarstufe. Um alle Kinder von Anfang an zum Lernen zu ermutigen, brauchen sie Erfolgserlebnisse. Sie müssen erfahren, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, sich zu bemühen, und sie brauchen Rückmeldungen zu ihren Fortschritten. Nur so können sie ein Selbstwertgefühl entwickeln, das es ihnen erlaubt, die eigene Leistung besser einzuschätzen und an Stärken und Schwächen gezielt zu arbeiten. Der Grundschulverband fordert eine „pädagogische Leistungskultur“, die das einzelne Kind als besondere Person anerkennt und ernst nimmt. Erika Brinkmann / Christine Stadler Brügelmann, H.: Schule verstehen und gestalten – Perspektiven der Forschung auf Probleme von Erziehung und Unterricht. Libelle, CH-Lengwil 2005, S. 73, 196, 277. Largo, R.: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Piper, München 2000 (Erstausgabe 1999; 13. Au.. 2007), S. 25 .. Bartnitzky, H., u. a. (Hrsg.): Pädagogische Leistungskultur: Materialien für Klasse 1/2 und Klasse 3/4. Beiträge zur Reform der Grundschule, Bd. 119 & 121. Grundschulverband, Frankfurt a. M. 2005 und 2006. Eine solche Haltung durch unterrichtspraktische Hilfen zu unterstützen, ist Ziel des Heftes, dem dieser Aufsatz entnommen wurde. |
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aus: Grundschule Deutsch, Nr. 14
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