GSV zur Koalitionspolitik
Presse-Echo
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Die Wahlfreiheit für die Grundschule kommt
Bericht in der TAZ vom 19.08.2005

Englisch, Migranten und die freie Schulwahl
Radiosendung in Funkhaus Europa (17.06.2005 - 7:15 Uhr)

Gerangel um ABC-Schützen
Bericht in der TAZ (14.06.2005)

 
     
 

Die Wahlfreiheit für die Grundschule kommt

(aus TAZ - die tageszeitung vom 19. August 2005))
Der Krach zwischen CDU und FDP um die Auflösung der Schulbezirke in NRW ist eigentlich gar keiner, heißt es aus dem Schulministerium. Auch die CDU will an der Koalitionsvereinbarung festhalten und Wahlfreiheit einführen

KÖLN taz Nach dem Schlagabtausch zwischen FDP und CDU wegen der Auflösung der Schulbezirke zeigt sich die NRW-Landesregierung sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. "Streit gibt es eigentlich gar nicht", sagte Oliver Mohr, Pressesprecher von Schulministerin Barbara Sommer (CDU) der taz. Die Ministerin habe nur darauf hingewiesen, dass die vereinbarten Beschlüsse in einer sinnvollen Reihenfolge umgesetzt werden müssten.

Ministerin Sommer hatte vor zwei Tagen erklärt, sie halte die geplante Abschaffung der Schulbezirke, die es Eltern ermöglichen soll, ihre Kinder auf einer Grundschule ihrer Wahl anzumelden, nicht für vordringlich. Integrationsminister Armin Laschet (CDU) hatte in der WAZ sogar gesagt, er "halte das Ganze nicht für durchdacht". Der Generalsekretär der NRW-FDP, Christian Lindner, hatte die Äußerungen "mit Erstaunen zur Kenntnis genommen" und den Koalitionspartner daran erinnert, dass "diese Veränderung der Schullandschaft" in den Koalitionsverhandlungen beschlossen wurde.

Am Koalitionsvertrag festhalten wolle auch die CDU, betonte Mohr. Der Beschluss zur freien Grundschulwahl werde noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt. Allerdings bräuchten die Schulen Zeit, sich vorzubereiten. Auch "problematische" Grundschulen müssten die Möglichkeit bekommen, "sich im Wettbewerb positionieren zu können" - etwa durch mehr Angebote zur Sprachförderung oder indem sie mehr Lehrerstellen zugewiesen bekommen. "Das sehen wir auch so", gab sich Lindner darauf wieder versöhnlich. 2008 solle die Wahlfreiheit eingeführt werden, "bis dahin werden die Schulen instand gesetzt", sagte er der taz.

Man könne die Schulen aber nicht wirklich auf den "freien Wettbewerb" vorbereiten, erwidert Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbandes. "Man wird abwarten, wie Eltern wählen und erheblich nachsteuern müssen." Dann aber sei der "Bildungstourismus" und damit die Trennung in "gute" Schulen für die Bildungsbürgerkinder und "schlechte" Schulen für den Rest bereits Realität.

Auch Baldur Bertling, Sprecher des NRW-Grundschulverbandes, hält den Ansatz der Landesregierung grundsätzlich für falsch. "Jedes Kind hat das Recht auf das gleiche Angebot, und es ist die Pflicht des Staates, das zu ermöglichen." In Gegenden mit besonderen Belastungen für die Schulen müsse der Staat daher mehr tun als anderswo. Wenn aber ein offizielles Ranking der Schulen eingeführt werde und die Eltern sich die Schule entsprechend aussuchen können, habe der Staat bereits akzeptiert, dass Schulen ungleich sind. "Das ist absurd", sagt Bertling. „Gerade wenn eine zusätzliche Förderung der benachteiligten Schulen zur Wiederherstellung der Chancengleichheit gelingt, wenn der Staat also seine Aufgabe ernst nimmt, braucht man kein Ranking und keine Abschaffung der Schulbezirke mehr."
 SUSANNE GANNOTT

taz NRW Nr. 7746 vom 19.8.2005, Seite 1, 95 Zeilen (TAZ-Bericht), SUSANNE GANNOTT

 

 

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Gerangel um ABC-Schützen

Vertreter von Grundschulen lehnen die Pläne von CDU und FDP ab, die Schulbezirke aufzulösen. Sie befürchten einen "Schulbustourismus" und Ghettos für MigrantInnen. "Chaos ist vorprogrammiert"

VON NATALIE WIESMANN

GrundschullehrerInnen in Nordrhein-Westfalen fühlen sich von den Reformplänen der neuen CDU/FDP-Landesregierung überrannt. Sie lehnen es ab, den Wettbewerbsgedanken bereits in den Grundschulen zu verankern - die Koalitionspartner haben sich in den laufenden Verhandlungen unter anderem darauf geeinigt, Schulbezirke aufzulösen und ein Ranking der Grundschulen einzuführen.

"Es macht überhaupt keinen Sinn, die Kinder aus ihrem Wohnumfeld zu reißen", sagt Baldur Bertling, Leiter einer Dinslakener Grundschule und stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbands (GSV) in Nordrhein-Westfalen. Für die Entwicklung der Kinder sei es wichtig, dass sie lernten, den Weg nach Hause allein zu beschreiten und sich auf dem Heimweg mit Klassenkameraden auszutauschen.

Auch organisatorisch stelle die freie Schulwahl ein Riesenproblem da, so Bertling, vor allem in Zusammenhang mit dem ankündigten Ranking: "Das Chaos ist vorprogrammiert." Seine Schule zum Beispiel genieße in der Stadt einen guten Ruf. Wenn sich jetzt drei Mal so viele SchülerInnen bewerben würden als sonst, hätte er dafür keine Kapazitäten. "Soll ich dann die ersten hundert nehmen? Oder die Kinder von Eltern, die schon im Förderverein sind?", fragt er sich.

Kritisch hatten sich Ende vergangener Woche auch die Gewerkschaften VBE und GEW zu den Plänen der neuen Landesregierung geäußert. Der Plan, die Schulbezirke in NRW abzuschaffen, würde zu Unrecht als mehr Entscheidungsfreiheit für die Eltern verkauft, sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des VBE. "In Wirklichkeit wird dieses Konzept aber zur Ghettoisierung von Migrantenkindern und zu verstärktem Schulbustourismus schon für fünf- beziehungsweise sechsjährige Kinder führen."

Dass die Aufhebung von Schulbezirken in Zusammenhang mit den geplanten Ranking-Listen zu einer noch stärkeren sozialen Differenzierung führen wird, glaubt auch Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender der GEW in Nordrhein-Westfalen. "Wenn wir ernsthaft Chancengleichheit wollen, müssen wir alle Grundschulen besser ausstatten und keinen Wettbewerb zwischen ihnen ausrufen", so Meyer-Lauber zur taz.

Schon heute sei es möglich, dass Eltern, die ihre Kinder auf konfessionelle Schulen schicken wollten, von der Bindung an den Schulort ausgenommen würden - das betrifft etwa ein Viertel der GrundschülerInnen in NRW. Eine völlige Aufhebung der Schulbezirke führe zu noch mehr Frustration bei den Eltern, die nicht die Möglichkeit hätten, ihre Kinder durch die Gegend zu karren, sagt Meyer-Lauber. "Man muss sich ernsthaft fragen, wer die Koalition in diesen Fragen berät, das meiste ist nicht realisierbar", sagt Meyer-Lauber.

Mit der Freiheit der Schulwahl hat sich die FDP in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU durchgesetzt. Die Union hatte noch im Wahlkampf angekündigt, die Zahl der Migranten auf den Grundschulen auf ein Viertel zu beschränken "Das war mit uns nicht machbar", sagt Ralf Witzel, bildungspolitischer Sprecher der FDP. "Wir wollen eine freie Wettbewerbslandschaft unter den Grundschulen".

Ein weiterer Plan, die Kinder für die Marktwirtschaft fit zu machen, ist die Senkung des Einschulungsalters auf fünf Jahre und die Einführung einer Fremdsprache in der ersten Klasse. Grundschulleiter Bertling lehnt das ab: "Schon heute haben 40 Prozent der ErstklässlerInnen Sprachprobleme", sagt er. Dies sei nicht allein ein Problem bei Migrantenkindern, die zu Hause kein Deutsch lernten. "Das liegt vor allem daran, dass die meisten Kinder ihre ersten sechs Lebensjahre vor dem Fernseher verbringen." Erst wenn die Kinder ihre Muttersprache richtig beherrschten, sei es angebracht, über eine weitere Sprache nachzudenken. "Alles in allem sind die Reformpläne der neuen Regierung ein Schlag ins Gesicht der Grundschulpädagogen", sagt Bertling. Er erwarte, dass der neue Schulminister oder die neue Schulministerin vor der Umsetzung ihrer Ideen das Gespräch mit den LehrerInnen suchen werde. "Bisher weiß man ja nicht einmal, wer das Ressort übernimmt."

Veröffentlichung "mit freundlicher Genehmigung der taz - die tageszeitung"

taz NRW Nr. 7689 vom 14.6.2005, Seite 2,  (TAZ-Bericht), NATALIE WIESMANN

Quelle
http://www.taz.de/pt/2005/06/14/a0026.nf/text

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Bildungspolitik der neuen NRW-Regierung
(WDR Funkhaus Europa - 17. Juni 2005 - 07:15 Uhr - Manuskript des Hörfunkbeitrages)

Kaum war die NRW-Landtagswahl entschieden, da kündigte die neue schwarz-gelbe Koalition in Düsseldorf auch schon an, das Bildungs-Ruder herumreißen zu wollen: Einschulung mit 5 Jahren, Englisch ab der 1. Klasse und  freie Wahl der Grundschule. Diese Änderungen sollen voraussichtlich erst zum  Schuljahr 2006/2007 umgesetzt werden, doch sorgen sie schon jetzt - drei Wochen vor den großen Sommerferien - für heftige Diskussionen unter Lehrern, Verbänden und Gewerkschaften. 
Ein Bericht von Alexandra Steffens-Klein:

( Hintergrund: Klingeln der Schulglocke; Kinderstimmen)

8 Uhr morgens in einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen – Unterrichtsbeginn – auf dem Stundenplan stehen Fächer wie  Rechnen, Turnen, Basteln und Deutsch. Doch bald soll noch Englisch in der ersten Klasse dazukommen. Und das bereitet Lehrern wie Baldur Bertling Kopfzerbrechen. Der Leiter einer Dinslakener Schule ist auch stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbandes Nordrhein-Westfalen.
  Englisch ab der ersten Klasse?
Für ihn grundsätzlich keine schlechte Idee, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass alle Kinder Deutsch beherrschen. Dies aber ist  häufig nicht der Fall – besonders in sozial schwachen Gebieten und in solchen  mit hohem Zuwandereranteil: 

(O-Ton, Bertling):  Was die Schulen mit einem hohen Ausländeranteil brauchen, sind Lehrerinnen, die Sprachunterricht erteilen – zusätzlich – und nicht nur für die Schüler. Ein ausländischer Vater an unserer Schule hat mal gesagt, der beste Deutschkurs für die Kinder ist der Deutschkurs für die Mutter.  Wir brauchen mehr Sprachunterricht, auch in den Gegenden, in denen die Migranten wohnen, die ja für den deutschen Arbeitsmarkt wichtig sind, damit deren Kinder nicht als Störfaktor begriffen werden. 

Erst, wenn dies alles erreicht sei, könne man auch über Englisch ab der ersten Klasse nachdenken, so Baldur Bertling weiter. Außerdem lasse sich der Englischunterricht nicht von heute auf morgen einführen. Noch gebe es keine richtige Didaktik für ein frühkindliches Sprachenlernen unter schulischen Bedingungen. 

Das meint auch Ursula Boos-Nünning. Die Erziehungswissenschaftlerin lehrt Interkulturelle Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen. 

(O-Ton, Boos-Nünning):  Englisch in der ersten Klasse ist nur dann sinnvoll, wenn ich wirklich das richtige Personal dafür habe. Das bedeutet einmal, dass ich Lehrer und Lehrerinnen haben muss, die Englisch so sprechen, dass sie auch unterrichten können und dass die Kinder auch richtig Englisch lernen. Und ich muss Lehrer haben, die über die didaktischen Fähigkeiten verfügen, Kindern im ganz jungen Alter Englisch zu vermitteln. 

 Wenn diese Voraussetzungen gegeben seien, dann sei Englisch ab der ersten Klasse sogar sehr empfehlenswert, so Ursula Boos-Nünning. Denn für Kinder, die bereits mehrsprachig aufwachsen und die Sprachen auch gut beherrschen sei es sinnvoll, zusätzlich auch noch Englisch zu lernen. Aber für Grundschüler die mit schlechten Sprachkenntnissen, werde Englisch ab der ersten Klasse zu einem weiteren Problem werden, so Ursula Boos-Nünning weiter. 

Auch gegen die Einschulung mit fünf Jahren ist die Wissenschaftlerin nicht grundsätzlich. Eine pädagogische Förderung in den ersten sechs Lebensjahren sei zwar besonders fruchtbar, doch bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie aus bildungsfernen Schichten würde heute viel verpasst, weil sie nicht in den Kindergarten oder andere vorschulische Einrichtungen geschickt oder dort nur mangelhaft gefördert werden. Das Herabsetzen des Einschulungsalters reiche nicht aus:

(O-Ton, Boos-Nünning): Weder die Erzieherinnen noch die Grundschullehrerinnen  sind eigentlich im Moment ohne weiteres bereit und fähig, eine Gruppe zu unterrichten, die mit fünf Jahren schon in die Schule kommt, noch weniger sind die Erzieherinnen mit ihrer jetzigen Ausbildung fähig und bereit, die Kinder in dem Sinne zu bilden, wie ich das meine.  

So wie die Erziehungswissenschaftlerin hofft auch Baldur Bertling vom Grundschulverband, dass die neue Regierung ihre Pläne noch einmal auf die Machbarkeit prüft. 

(O-Ton, Bertling): Wir im Grundschulverband buchen das ab als Pläne, die irgendwann vielleicht verwirklicht werden sollen und über die der neue Minister, die neue Ministerin mit den Lehrern, Organisationen und Fachverbänden erst mal spricht, bevor es in die Tat umgesetzt wird. Den Standard, den wir gewohnt sind, dass zuerst Lehrerfortbildung läuft, ein Kurrikulum entwickelt und das dann behutsam eingeführt wird, den sollte die CDU-FDP-Regierung nicht verlassen. 

Das sollte sich auch auf die Aufhebung der Schulbezirke beziehen. Danach müssten Eltern dann ihr Kind nicht – wie bisher -  an einer Grundschule in Wohnungsnähe anmelden, sondern hätten die freie Wahl. Der Dinslakener Lehrer befürchtet, dass dadurch ein regelrechter Schultourismus entsteht:

(O-Ton, Bertling): Wir sind in einem sehr gut situierten Gebiet angesiedelt. Wenn die Schulbezirke aufgehoben würden, denke ich, gäbe es viele Eltern aus weniger gut situierten Wohngegenden, die ihre Kinder auch gerne hier hätten. Die Spielfreundschaften der Kinder, die sich jetzt wohnortnah abspielen, würden  dann aufgehoben. Das gemeinsame Hinlaufen zur Schule fällt weg. Schule wird dann zu einer reinen Wissenvermittlungsanstalt, wo man hingeht, weil da vielleicht die Abschlüsse besser sind oder weil das soziale Umfeld besser ist. Das wird dazu führen, dass es Ghettos von sozial Benachteiligten geben  wird, die dort nicht weg können.

Autorin: Alexandra Steffens-Klein - 0171-53 103 24 

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Wir danken für die Überlassung des Manuskriptes. BB

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