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Bündnis für eine zukunftsfähige Grundschule

  Aktion Humane Schule + Deutscher Kinderschutzbund + Gemeinsam Leben + Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft + Grundschulverband + Landeselternschaft Grundschule + Landesverband Schulpsychologie

Bildungstag Grundschule
Münster - 7. Juli 2003

 

Inhalt dieser Seite :

 

Programm des Bildungstages

Bildungstag Grundschule
7. Juli 2003 – Münster - Stadthalle Münster Hiltrup
Ganzheitliche Erziehung – individuelle Förderung – Bildung für alle

Programm

9.30 Uhr 
Stehkaffee

10. 00 Uhr
Eröffnung des Bildungstages

Begrüßung

Referat
Ganzheitliche Erziehung – 
individuelle Förderung –
Bildung für alle
Was leisten die neuen Richtlinien?

Ute Schäfer
, Ministerin für Schule, Jugend und Kinder

Nachfragen

11.30 Uhr
Kaffeepause

11.50 Uhr

Referat
IGLU und die Konsequenzen für NRW

Prof. Dr. Wilfried Bos
, Universität Hamburg

Nachfragen

12.45 Uhr
Mittagpause

13.45 Uhr
Arbeitsgruppen

Ganzheitliche Erziehung – individuelle Förderung – 
Bildung für alle
am Beispiel
... der neuen Lehrpläne
... der flexiblen Schuleingangsphase
... der Ganztagsschule

15.45 Uhr
Abschlussplenum

Verabschiedung der „Münsteraner Erklärung"

Abschlussrede
Die Überforderung der Grundschule stoppen
und die Sekundarstufe verändern

Horst Bartnitzky, Bundesvorsitzender des GSV

 

Abschlussrede
 
beim Bildungstag in Münster 7.7.2003

Die Überforderung der Grundschule stoppen und die Sekundarstufe verändern!

„Die Kuschelschule ist schuld!“

Kaum waren Ende 2001 die deprimierenden Ergebnisse der PISA-Studie auf dem Markt, da waren sich fast alle in der Schulpolitik und in den Medien einig: In der Grundschule und im Kindergarten muss sich Wesentliches ändern. Sprachkurse für Migranten im vorschulischen Bereich, flexible Schuleingangsstufe in der Grundschule, eine kostenschluckende Leseinitiative mit einer Bücherwurmrallye und dem prominenten Autor Peter Härtling wurde für die Grundschule gestartet, und um den Eltern und den Grundschulen zu zeigen, dass Lesen doch was Tolles ist, lasen Ministerpräsident, Ministerinnen und Minister, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Grundschulklassen aus Kinderbüchern vor. So in NRW. In anderen Bundesländern wurden sogar die Noten in Klasse 2 wieder eingeführt. Alles mit Hinweis auf PISA. 

Der Unbefangene musste meinen, bei der PISA-Studie seien Grundschulkinder getestet worden, und durch ihre miserablen Leistungsergebnisse sei nun die Grundschule der Sanierungsfall. Tatsächlich aber ging es seinerzeit um 15jährige. Warum stand nun nicht die Sekundarstufe 1 zur Diskussion sondern die Grundschule? 

Im Ministerium hieß es: In der Grundschule ließen sich eben Erfolge am schnellsten erzeugen. Eine große Oppositionspartei hatte den Sündenbock für das Desaster bei den 15-jährigen in der Kuschelpädagogik der Grundschule ausgemacht: Schluss mit der Kuschelschule, so ihr damaliger Generalsekretär. Und so hörte und las man es landauf landab.

Was in der Grundschule versäumt werde, könnten die Sekundarschulen beim besten Willen nicht mehr aufholen. Auch der Hinweis auf die kommende IGLU-Studie, in der ja Grundschulkinder getestet waren, half nicht weiter. Die Politik wollte das gute Jahr nicht abwarten, um dann eine seriöse Bestandsaufnahme über das ganze Schulsystem zu machen, sondern sofort agieren. Also Grundschule und Kindergarten. Basta. 

Irrtum:
Die sogenannte „Kuschelschule“ ist das Erfolgsmodell

Nun wurden Anfang April dieses Jahres die Ergebnisse der IGLU-Studie veröffentlicht. Zum Erstauen vieler schnitten die Grundschüler viel besser ab als die 15jährigen: Es gibt in den Grundschulen eine breitere Leistungsspitze und viel weniger besonders schwache Kinder, als dies bei den 15jährigen festgestellt wurde. Die Unterschiede zwischen den Stärksten und Schwächsten sind viel geringer als bei den 15jährigen. Überschlaue meinten, das läge daran, dass Grundschulkinder eben noch besser und lieber lernen, während Pubertierende keinen Bock aufs Lernen haben – nicht die Schulen sondern die Kinder seien also Schuld. Nur: auch in Finnland, Schweden, England und anderswo müssen die Jugendlichen durch die Pubertät. Der internationale Vergleich zeigt, dass der Unterschied zwischen den erfreulichen Leistungen der Grundschüler und den eher blamablen der Sekundarschüler gerade in Deutschland eben besonders groß ist.

Die Begründung für die Unterschiede liegen auf der Hand: In den Grundschulen ist die persönliche Zuwendung zu den Kindern am stärksten, pädagogische Reformen wie fächerübergreifendes Arbeiten, freies Arbeiten, Werkstattunterricht, differenzierte Arbeitsformen sind in den Grundschulen am deutlichsten entwickelt, Grundschullehrerinnen und –lehrer sind die fortbildungsfreudigsten aller Lehrersparten. Und die ständige Auslese des deutschen Schulsystems ist in der Grundschule am geringsten ausgeprägt – wenigstens in den beiden ersten Klassen wird auf Noten verzichtet, es bleiben in der GS 1,8% sitzen, in den Sekundarschulen sind es 4,2 %. Die sogenannte Kuschelschule ist also das deutsche Erfolgsmodell.

Damit müsste die Schuldebatte neu beginnen. Die Erkenntnis greift um sich, dass Schulen ohne Auslese pädagogisch wirkungsvoller arbeiten. Dies gilt für die Grundschule in Deutschland und für die Schulen gerade in den schulisch erfolgreicheren Industrienationen. Schwedische Bildungsexperten begründen den Erfolg schwedischer Schülerinnen und Schüler so: Die Heterogenität der Schüler befördert die didaktische Intelligenz der Schule. In Deutschland gibt es inzwischen viele Fürsprecher für eine Grundschule oder Basisschule, die bis ans Ende der Klasse 9 geht,  so auch die Grünen hier im Land, der baden-württembergische Handwerkertag, der Bundeselternrat und viele andere mehr.

Wie reagiert die Politik? Es bleibt wie es ist. 

Im „Düsseldorfer Signal für Erneuerung und Konzentration“, der neuen Koalitätsvereinbarung von SPD und Grüne, lässt sich zwar gut lesen, dass in den Schulen eine „Kultur des Förderns“ zu entwickeln sei; „individuelle Förderung konsequent ausbauen“ sei die Aufgabe. Aber welche politischen und welche praktischen Konsequenzen hat das? Vermutlich soll nun in den Schulprogrammen überall was zum Stichwort Fördern auftauchen. Leistungstests sollen Lehrerinnen und Lehrer  bei der Diagnose der Leistungsstände auf die Sprünge helfen. Samt und sonders im unterrichtspraktischen Effekt ziemlich wirkungslose Maßnahmen, weil die eigentlich nötigen Entscheidungen in den Bundesländern nicht gezogen werden, z.B.:

Der Verzicht auf Auslese nicht nur am Schulanfang sondern durchgehend bis ans Ende der Pflichtschulzeit. Damit übrigens auch der Verzicht auf Noten zugunsten entwicklungsbezogener Rückmeldungen. Beides Charakteristika der Schulsysteme in den erfolgreicheren Ländern.

Die neuen Richtlinien:
Von der Unverbindlichkeit der verbindlichen Anforderungen

Ich will das Zurückschrecken vor den eigentlich nötigen Maßnahmen auch an einer Passage im aktuellen Richtlinien-Entwurf belegen: Da geht es in Kap. 5.2 um die verbindlichen Anforderungen am Ende von Klasse 4. Hier also soll das beschrieben werden, worauf alle Kinder ein Recht haben, es bis zum Ende der Grundschulzeit gelernt zu haben – denn es sind die tragfähigen Grundlagen für erfolgreiches weiteres Lernen. Dann aber wird im Text differenziert: Die Lernschwächeren sollen an die verbindlichen Anforderungen möglichst weit herangeführt werden, die Lernstärkeren sollen sie überschreiten können.

Wenn die Lernschwächeren aber kein Bildungsrecht auf diese tragfähigen Grundlagen haben, dann ist die Behauptung „Verbindliche Anforderung“ nur eine Floskel. Man fragt sich, warum diese Unlogik? Hier soll offenbar denen der Wind aus den Segeln genommen werden, die für die Lernschwächeren zusätzliche Ressourcen einfordern, damit auch sie die tragfähigen Grundlagen erwerben können. Nein, die Lernschwächeren werden eben nur herangeführt. Ministerium und Politik stehlen sich damit aus der Verantwortung, das Ihre dazu zu tun, dass wirklich alle Kinder der Grundschule die als richtig erkannten tragfähigen Grundlagen erreichen. Das würde nämlich z.B. bedeuten: für entsprechenden Schulmilieus Nachteilsausgleiche herzustellen - für kleinere Klassengrößen, zusätzliche Förderlehrkräfte, Supervision, Fortbildung...

Hier rächt sich übrigens die chronische blamable Unterfinanzierung der deutschen Grundschule im internationalen Vergleich, die zwar viel beklagt aber nicht verändert wird. Ich erinnere daran: Die Bildungsausgaben pro Grundschulkind in Deutschland rangieren international im unteren Teil der Tabelle, die Bildungsausgaben pro Jugendlichen in der Oberstufe des Gymnasiums dagegen im oberen Teil, hier wird dreimal so viel investiert. Dieses Unrecht in der finanzpolitischen Zuwendung erlaubt sich kein anderes Land. Das hat übrigens nichts mit Neid der Grundschule zu tun sondern mit der pädagogischen Logik: die Schülerinnen und Schüler brauchen die intensivste Zuwendung, die am meisten darauf angewiesen sind, nicht aber die selbstständig Lernenden. 

Die Überforderung der Grundschule

Fehlt der Grundschule die Unterstützung in Gestalt zusätzlicher Ressourcen, so werden andererseits der Grundschule ständig neue Aufgaben aufgepackt.

Die erfolgreiche Grundschule wird überfordert durch die Gleichzeitigkeit zahlreicher auch tiefgreifender Aufgaben, die im Einzelnen zum großen Teil sinnvoll sind, in der Massierung aber auch die Gutwilligsten überfordern müssen:

-        die Einführung des Faches Englisch und seine didaktische sowie organisatorische Integration in den Unterricht;

-         die Weiterführung des gemeinsamen Unterrichts mit weniger gewordener Unterstützung und Schubkraft von außen, das bedeutet die Weiterentwicklung einer Reform, die politisch geradezu vergessen ist;

-         der Verzicht auf Zurückstellung am Schulanfang und gleichzeitig die flächendeckende Einführung der jahrgangsübergreifenden Klassen 1 und 2 (hierzu will ich gleich noch einige Anmerkungen machen);

-         die Erprobung neuer Richtlinien und Lehrpläne;

-         umfangreiche neue Aufgaben mit der aktuellen Schulprogramm-Arbeit;

-         die Entwicklung zur offenen Ganztagsschule, die lediglich familienpolitisch motiviert ist und konstruiert wird, die nun aber in den Schulen zu einem pädagogisch abgestimmten Konzept gestaltet werden muss.

Als Exkurs drei Anmerkungen zur flexiblen Schuleingangsstufe.

  1. Der Verzicht auf Zurückstellung ist die richtige Entscheidung. Denn die Frage kann nicht sein: Welche Kinder sind schulfähig? sondern: Wie kann die Schule fähig für die Kinder werden.

  2. Der Grundschulverband hat in seinem Standpunkt Schulanfang die Entwicklung einer neuen Schuleingangsstufe gefordert. An diese Entwicklung hat er aber im Sinne einer Umsetzungsstrategie drei Bedingungen geknüpft. Erstens: Die generelle Bildungspflicht für 5jährige, um die Übergangsentwicklungen zwischen Elementar- und Primarbereich bei allen Kindern zu fördern und miteinander abzustimmen. Zweitens: An jeder Schule die Zusammenarbeit der verschiedenen fachlichen Kompetenzen - der grundschul-, der sozial- und der sonderpädagogischen Kompetenz, weil erst in dieser Zusammenarbeit die Aufgabe zu meistern ist, wirklich alle Kinder schulfähig zu machen und ihnen tragfähige Grundlagen zu vermitteln. Und drittens: Die gestreckte Einführung über einen längeren Zeitraum, damit Entwicklungen und Erfahrungen ausgetauscht und in den pädagogischen Diskurs gehen können. Die Integration in das schuleigene Konzept ist so besser entwickelbar, Entwicklungen können begleitet werden, Korrekturen sind leichter möglich und nicht jeder Fehler muss von allen gemacht werden. „Wir setzen weiter auf Reformen“ – diese Kernaussage des letzten Grundschultages gilt, aber mit einer klugen und fairen Entwicklungstrategie.

  3. Die Absicht der Politik und des Ministeriums war, ein dogmatisches Modell verpflichtend zu machen: das Modell der jahrgangsübergreifenden Klasse 1/2. Ich war kürzlich an einer hessischen Grundschule, die im Schulversuch „integrierte Schuleingangsstufe“ steht. Hier wird jahrgangsbezogen unterrichtet, in die Arbeit der Klassen 1 ist die Sozialpädagogin integriert. In bestimmten Phasen öffnen sich regelmäßig die Klassentüren aller Klassen von 1 bis 4 und die Kinder der Schule quer durch die Jahrgänge lernen gemeinsam, z.B. in der Lernwerkstatt der Schule, in Projekten, in der wöchentlichen Versammlung. Ich könnte auch noch andere Konzepte ergänzen, die der Absicht entsprechen, individuelles Lernen und das Voneinanderlernen zu befördern – ohne die Klassen 1 und 2 jahrgangsübergreifend zu unterrichten. Dies sind Konzepte, die reformorientierte Grundschulen auch in NRW entwickeln. Jeder Modelldogmatismus ist ein Schlag gegen die eigenständige intelligente Entwicklung von Schulprogrammen. Es ist zu begrüßen, wenn nun von der Absolutheit des Modell abgerückt wird; immerhin kann sich die Schulkonferenz auch für andere Modelle entscheiden. Ich hoffe, dies machen viele Schulen, auch um ein Signal gegen solchen Dogmatismus von oben zu geben.

Ich habe diesen Exkurs gemacht, um an einer Stelle zu zeigen: Es ist nicht nur die Quantität der Aufgaben, mit denen die Grundschule in NRW derzeit überbürdet wird, es sind auch die Vorgaben, unter denen die Aufgaben realisiert werden sollen: mangelnde Ressourcen, Modelldogmatismus, die Missachtung von an Schulen bereits gewachsenen Konzepte – dies sind solche zusätzlich belastenden Bürden.

Statt im permanenten Gespräch mit der Grundschule ihre Weiterentwicklung nach Maß zu betreiben, den Schulen ihre Entscheidungsfreiräume zu belassen, die Schulleitungen nahezu ganz vom Unterricht freizustellen, ebenfalls ein Kennzeichen der Systeme in vergleichbaren erfolgreicheren Ländern, wird die Schule mit den wenigsten Steuerungskapazitäten, mit der höchsten Unterrichtsverpflichtung in kürzester Zeit mit einem Riesenpaket an Aufgaben bestückt. Eine unvergleichliche Aufgabenlast, die sich so an keiner anderen Schulform findet. Die Auswirkungen werden neben Schulleitungen und Lehrkräften die Kinder zu tragen haben, insbesondere die leistungsschwächeren, die eben nur an die Ziele weitgehend herangeführt zu werden brauchen.

Was ist und was sein müsste

Und die Sekundarschulen? Was geschieht nun mit der Erkenntnis, dass gerade hier die Leistungsspitze in Deutschland so dünn ist, obwohl inzwischen 30 % und mehr das immer so gerühmte deutsche Gymnasium besuchen? Dass viele Schülerinnen und Schüler, und nicht nur Migranten, zu wenig gefördert werden? Dass das gegliederte Schulsystem vermutlich der deutsche Irrweg ist? Da steht sogar im Raum, das Gymnasium in Ausbildung, Lehrerschaft und Schulstruktur deutlich von allen anderen Schulformen abzuschotten. Als sei das Gymnasium das Erfolgsmodell, das nicht verwässert werden dürfe!

 

Die Diskussion nach Veröffentlichung der IGLU-Ergebnisse müsste das Schulsystem insgesamt auf den Prüfstand stellen. Tatsächlich verharrt die Politik weiterhin auf ihren Schnellschüssen aus der direkten Nach-PISA-Zeit. 

Offenbar muss von vielen noch an diesem harten Brett gebohrt werden. Von diesem Bildungstag und anderen ähnlichen Veranstaltungen müssen zwei zentrale Botschaften ausgehen:

·       „Die Überforderung der Grundschule stoppen!“ – so titelte Rixa Borns zu Recht einen Beitrag in der NDS. Überfordert die Grundschule nicht, sondern gebt ihr ihren Entwicklungsraum für eine kindgerechte und leistungsfördernde Grundschule. Sie ist hierzu auf gutem Weg. Dazu muss aber auch die blamable Unterfinanzierung der Grundschule beendet werden.

·        Verändert die Sekundarstufe grundlegend – didaktisch und strukturell. Die Grundschule ist hier erwiesenermaßen ein gutes Modell.

Horst Bartnitzky

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